Hedelfingen ist ein Eldorado der Plakatwerbung

Stuttgart-Hedelfingen … Seit Mai steht neben der Bushaltestelle Am Bergwald eine große Werbetafel der Schwarz Außenwerbung GmbH (Konstanz). In einem privaten Hausgarten. Für das Stadtbild bedenklich, meint ein Anwohner. Zudem befürchtet er eine Belastung der Nachbarn durch die Beleuchtung des Plakats. Doch baurechtlich sei alles in Ordnung, sagt die Stadt. Der Fall gestattet nicht bloß interessante Einblicke in die Baubürokratie und Plakatvermarktung, er lenkt auch den Blick auf das Umfeld. Und da zeigt sich: Hedelfingen ist ein Eldorado der Plakatwerbung.

Ende Mai nahm der Anwohner (Name der Redaktion bekannt) Kontakt mit dem Baurechtsamt der Stadt Stuttgart auf und stellte Fragen zu Positionierung und Beleuchtung der Werbetafel sowie zur Baugenehmigung. Die Werbeanlage an der Heumadener Straße 76 (Foto oben) sei bereits am 9. Mai 2025 baurechtlich genehmigt worden, antwortete die Stadt. Sie halte „alle zu prüfenden öffentlich-rechtlichen Vorschriften” ein. Daher habe der Antragsteller einen Anspruch auf Baugenehmigung gehabt. Die Beleuchtung müsse die nach einer maßgeblichen Richtlinie geltenden Lichtemissionswerte für ein Wohngebiet einhalten, hieß es weiter. Anhaltspunkte für deren Überschreitung hätten zum Zeitpunkt der Genehmigung nicht vorgelegen. Und: Die „Grenzabstände nach dem baden-württembergischen Nachbarrecht” seien einzuhalten.

Bürgeranfrage hatte bei der Stadt Stuttgart „keine Priorität”

Nachdem er die Genehmigungsunterlagen digital von der Stadt zur Verfügung gestellt bekommen hatte, zog besagter Anwohner allerdings die Positionierung und Ausrichtung der Werbetafel sowie den Grenzabstand in Zweifel. Er fragte deshalb erneut bei der Baubehörde nach. Die Antwort ließ auf sich warten. Am 11. Juni schrieb das Baurechtsamt, dass man den Sachverhalt prüfe. Garniert mit der wenig bürgerfreundlichen Ergänzung: „Es besteht keine Gefahr für Leben und Gesundheit, weshalb der Vorgang keine Priorität besitzt.”

Auch WILIH musste sich in Geduld üben. Auf unsere viermalige Presseanfrage bei der Stadt erhielten wir nach gut einem Monat endlich eine Antwort aus dem Baurechtsamt. Inzwischen habe man „den Sachverhalt durch die Baukontrolle vor Ort überprüfen lassen”, heißt es. Ergebnis: „Die Werbeanlage wurde zwar abweichend von der Baugenehmigung errichtet, ist jedoch auch in dieser Form genehmigungsfähig.” Allerdings sei dafür „ein Bauantrag zur Nachgenehmigung zu stellen”.

Trotz Abweichungen zulässig – keine Bedenken hinsichtlich Verkehrssicherheit und Stadtbild

Zu den Abweichungen von der ursprünglichen Baugenehmigung teilte die Stadt mit: „Es wurden zusätzlich Klebebühnen an der Werbetafel angebracht. Der Standort wurde rechtwinklig zur Straße anstatt parallel zur Grundstücksgrenze des Nachbarn ausgeführt. Insgesamt rückt die Anlage damit näher an die nachbarliche Grundstücksgrenze, mit einem geringsten Abstand von zirka 0,26 Metern (ab Klebebühne).” Die Werbeanlage müsse „nach der Landesbauordnung keinen Grenzabstand einhalten” und sei nach der Stuttgarter Ortsbausatzung auch in der jetzigen Ausführung zulässig. Die rechtwinklige Ausrichtung zur Straße begünstige sogar den Nachbarn, wird argumentiert, „da dies zu einer geringeren Belastung durch eventuelle Lichtemissionen führt”.

Wurde der Standort unter Aspekten der Verkehrssicherheit geprüft, wollten wir wissen. Wie beurteilt die Stadtverwaltung den Standort im reizüberfluteten Umfeld von Bushaltestelle, Fußgängerüberweg via „Hüpfinsel”, nahegelegenen Straßeneinmündungen (Krautgartenstraße, Am Bergwald, Wildbädle), Verkehrsschildern sowie angesichts des häufigen Stop-and-go-Verkehrs bei Stau? „Anhaltspunkte für das Vorliegen einer Straßenverkehrsgefährdung durch die statische Plakatwerbetafel lagen nicht vor”, schreibt die Stadt.

Und wie sieht die Stadt den Standort unter städtebaulichen Gesichtspunkten? „Aspekte der Stadtgestaltung waren nicht zu prüfen”, teilt das Baurechtsamt mit. „Das Amt für Stadtplanung und Wohnen wurde aber diesbezüglich über den Bauantrag informiert.” Es hatte anscheinend keine Bedenken. Auch der Hedelfinger Bezirksbeirat hält sich bislang bedeckt. „Nur eine mündliche Anfrage” habe es gegeben, berichtete Kai Freier auf Anfrage. Eine offzielle Anfrage oder ein Antrag habe ihn nicht erreicht, so der Hedelfinger Bezirksvorsteher Mitte Juni.

Was lässt sich mit einer Werbetafel verdienen?

Die aufgeständerte Werbetafel an der Heumadener Straße 76 gehört laut Aufdruck der Schwarz Außenwerbung GmbH. Vermarktet wird die Fläche laut Eigenwerbung von der 1-2-3-Plakat.de GmbH im nordrhein-westfälischen Bünde.

In einem Video auf ihrer Webseite erklärt die Firma Schwarz, wie einfach sich Hauseigentümer mit der Verpachtung einer Werbefläche am Haus oder auf dem Grundstück mit einer „attraktiven Pacht” alljährlich eine „volle Geldbörse” sichern können. „Um Bauantrag, Installation, Pflege und Bewirtschaftung der Anlage kümmern wir uns”, verspricht das Unternehmen.

„Ganz ohne Kosten und ganz ohne Arbeit” dürfen Vertragspartner darauf hoffen, dass sich die Geldbündel bei ihnen stapeln wie auf dem Gartentisch der glücklich im Liegestuhl sich ausruhenden Frau Mustermann im Zeichentrickfilm des Konstanzer Werbeunternehmens. Bis zu 3.600 Euro im Jahr (netto) darf ein Flächenverpächter laut Schwarz‘ Webseite erwarten. Auch für die Vermarkter ist das ein lukratives Geschäft: Werbekunden zahlen laut Medienplattform crossvertise für zehn beziehungsweise elf Tage an der Bushaltestelle Am Bergwald 643,65 Euro.

Die Hedelfinger Straße ist eine eng besetzte Plakatroute

Die neue Werbetafel an der Heumadener Straße ist die bislang letzte vor der Hedelfinger Filderauffahrt. Neben dem Ortszentrum und den Otto-Hirsch-Brücken reiht sich beiderseits entlang der Hedelfinger Straße eine Plakatstelle an die nächste. Schaut man auf die Standortkarte von crossvertise, entdeckt man entlang der Plakatroute mehr als ein Dutzend Großflächen an Hauswänden und auf Privatgrundstücken. Weiter geht es durch Wangen entlang der Wasenstraße und Ulmer Straße bis in den Stuttgarter Osten. Dort fahren bekanntlich viele Autos – gut für viele Werbekontakte.

Hingegen ist der Stadtbezirk Sillenbuch – mit Heumaden und Riedenberg – deutlich dünner besetzt. Dort setzt die Werbewirtschaft in überschaubarem Maße vor allem auf die altbekannten Litfaßsäulen. Auch in der Stadt Ostfildern gibt es nur wenige Großflächenstandorte. Einzige Ausnahme ist Scharnhausen: Im unmittelbaren Umfeld des Gewerbegebietes mit Edekas E Center (vormals Marktkauf) häufen sich große Werbetafeln. Aber kein Vergleich zu Hedelfingen.


WILIH-Leser sind Bescheidwisser. Den wöchentlichen WILIH-Newsletter kostenlos abonnieren und immer kompakt informiert sein! Einfach hier klicken und gleich anmelden, dann bekommen Sie einmal in der Woche die Themen der Woche frei Haus! Abbestellung jederzeit möglich!


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert