Norwegen hat Medaillen, Deutschland hat Spaß

Wenn man in den Spiegel schaut, sieht man vor allem sich selbst. Wenn Deutschland dieser Tage in den winterolympischen Medaillenspiegel schaut, sieht es in erster Linie Medaillen anderer Nationen. Nun ist natürlich nicht alles Blech, was nicht glänzt. Dass Deutschland beim Bobfahren alle drei Medaillen abstaubt, ist aller Ehren wert. So etwas gelingt selten. Chapeau! Auch andere Leistungen bei den Olympischen Winterspielen sind klasse und mögen stolz machen. Doch: Während viele Sportlerinnen und Sportler anderer Länder in Interviews erklären, wie sie sich auf den Punkt vorbereitet haben, wie sie kämpften und zum Erfolg kamen, hört man in Gesprächen mit enttäuschenden und enttäuschten deutschen Athletinnen und Athleten merkwürdig oft, dass sie zwar nix gerissen, aber Spaß hatten. Na, wenigstens etwas. Man könnte also – Übertreibung macht anschaulich – sagen: Norwegen hat Medaillen, Deutschland hat Spaß. Der anspruchsvolle Fernsehzuschauer, der es auf seinem bequemen Sofa in der warmen Stube freilich leicht hat, reibt sich aber auch aus einem anderen Grund des Öfteren die enttäuschten Augen: Morgens Gold (herbeigeredet), abends Pleiten, Pech und Pannen. Gerade die öffentlich-rechtliche Reportergilde übertrifft sich geradezu in Disziplinen wie Medaillenerwartungen, Chancenschönreden und Zwischenergebnisignorieren. Die Ergebnistafel demonstriert unbarmherzig, dass man als Zuschauer vielleicht besser beizeiten den Fernsehton abgedreht hätte. Denn dass zu langsam zu langsam ist, daneben daneben und zu kurz zu kurz, das sieht man selbst durch die schwarz-rot-goldene Fan-Brille. Nun kann man sich trefflich darüber streiten, ob eine Nation unbedingt im internationalen Wettbewerb der Spitzensportler erfolgreich sein muss, oder ob es freudespendendes Mitmachen („Spaß“ haben!) nicht auch tut. Aber wer nicht konkurrenzfähig ist, den kommentiert auch kein unangebrachter Zweckoptimismus aufs Treppchen. Außerdem: Man kann sich ja auch an den Leistungen und Erfolgen anderer erfreuen. Vielleicht sogar eine ganz gute Übung. Und sollte dann eine nicht einmal vom optimistischsten Irrealisten für möglich gehaltene Überraschung passieren – na dann flippen wir vor Freude doch mal so richtig aus! Oder?

Rundgeschaut … Die WILIH-Kolumne


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