Wenn die Busfahrt zum Hörspiel wird
Öffentliche Verkehrsmittel werden nicht durchweg positiv beurteilt. Zu teuer, unpünktlich, lange Wartezeiten… Nahezu ein jeder hat eine Geschichte zu erzählen. Dabei sind die Öffis insgesamt doch sehr, sehr, sehr nützlich. Zumindest in Ballungszentren legen viele Menschen tagtäglich mehr oder weniger lange Reisen nur oder überwiegend mit Bussen und Bahnen zurück. Und ab und zu wird man bei der Raumüberbrückung zwischen A und B auch ganz gut unterhalten. So ließ kürzlich ein Mitreisender nicht nur seine Sitznachbarin an seiner aktuellen Pechsträhne teilhaben, sondern gleich den halben Bus. Was für ein Schicksal! Erst läuft ihm die Frau davon, dann kündigt der Vermieter die Wohnung. Zwar stehe er nicht auf der Straße, erzählt er, aber die Suche nach einer neuen Bleibe gestalte sich schwierig. Als Notnagel biete sich an, wieder bei seiner Mutter einzuziehen. Das wolle er zwar eigentlich nicht, sagt er, nennt aber als nicht zu verachtende Vorteile: mietfrei und Wäscheservice inbegriffen. An der Stelle nutzt die Sitznachbarin die seltene Gelegenheit, sich mit einem allgemeingültigen Ratschlag zu Wort zu melden: Manchmal sei es ganz gut, von vorne anzufangen. Doch schon geht die Serie von Pleiten, Pech und Pannen weiter. Facebook und Instagram könne er zur Zeit nicht nutzen, erzählt der Pechvogel. Warum das nicht funktioniert, wäre auch für Mithörende ganz interessant gewesen, aber das erläutert er nicht. Schade! Dafür berichtet er, wie er von einer Tussi aus Australien reingelegt wurde. Sie habe ihm immer wieder geschrieben, dass sie ihn liebe. Und dass sie unbedingt nach Deutschland kommen wolle – zu ihm. Doch vorher müsse sie noch eine teure Behandlung über sich ergehen lassen. Man ahnt es schon: Er hat ihr Geld überwiesen, aber weder sie kennengelernt noch seine Kohle je wiedergesehen. Das Foto der Tussi aus Australien sei ein Fake gewesen, habe ein Freund später herausgefunden. Das Konterfei der Frau, die angeblich für ihn schwärmte, sei das irgendeiner Pornodarstellerin gewesen. Dumm gelaufen! Aber man darf sich nicht unterkriegen lassen. Also wenigstens wieder zu Geld kommen! Einem angeblich todsicheren Tipp folgend, habe er in Bitcoin investiert, berichtet er weiter. Unglücklicherweise zu einem Zeitpunkt kurz bevor die Kryptos so richtig abstürzten. Minus mal minus bringt halt nicht immer ein Plus. Aber immerhin die Erkenntnis für den Rest des Lebens: Das Geld wächst nicht auf den Bäumen. Aber auch das war’s noch nicht. Kürzlich musste er nämlich seinen Führerschein abgeben. War mit zwei Kumpels auf einer Party. Die beiden seien dann irgendwann verschwunden, also habe er sich ins Auto gesetzt, um nach Hause zu fahren. Nach vier Viertele keine gute Idee. Und da er die beiden Nächte davor kaum geschlafen habe, nimmt die Geschichte ihren Lauf: Am Steuer eingepennt, sei er auf ein parkendes Auto gefahren. Ergebnis: Lappen weg. Leider hält zu diesem Zeitpunkt der Bus an der Haltestelle, an der ich aussteigen muss. Deshalb endet an dieser Stelle nicht nur meine Busfahrt, sondern auch ein nicht zu vermeidendes, letztlich aber überaus unterhaltsames Hörspiel. Die eigentlich für die Fahrt von A nach B vorgesehene Lektüre wird verschoben. Das Buch liegt auf dem Nachttisch.
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