Bleibt die Zivilcourage auf der Strecke?
In Hedelfingen wurde ein 68-jähriger Fußgänger von einem Radfahrer niedergeschlagen (WILIH berichtete hier). Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: Ein Radfahrer attackiert einen Fußgänger. Mit drei Faustschlägen streckt er ihn nieder. Einen 68-Jährigen. Fügt ihm einen blutenden Cut an der Lippe zu. Und lässt ihn liegen, türmt mit seinem E-Bike. Nicht in der Bronx. Mitten in Hedelfingen. Am helllichten Tag. Vor Zeugen. Kann nicht sein? Doch. Kein Muskelprotz vom Typ Kampfradler. Sondern einer, von dem man es am wenigsten erwartet hätte. Der Beschreibung nach ein offenbar gutsituierter Herr mit teurem Fahrrad. Ein Freizeitradler, der wahrscheinlich im Freundeksreis begeistert von seinen Touren erzählt. Und der als E-Biker sein Umweltgewissen pflegt. Doch in Hedelfingen rastet er aus. Erst versucht er, sich den Gehweg freizuklingeln. Ungeachtet der Schüler, die dort laufen. Und als er von einem Fußgänger darauf angesprochen wird, dass das kein Radweg sei, kommt es zum Wortgefecht. Dann brennt ihm die Sicherung durch. Er schlägt zu. Einmal, zweimal, dreimal. Und ergreift dann auch noch die Flucht. Was lernen wir daraus? Dass man sich lieber nicht für kleine Kinder stark macht? Dass es sicherer ist, den Mund zu halten, als einen anzusprechen, der meint, für ihn gälten keine Regeln? Dass man besser sich in Sicherheit bringt als sich für die Sicherheit gefährdeter Mitmenschen einzusetzen? Dass es gefährlich ist, die in Sonntagsreden gern beschworene Zivilcourage zu zeigen? Nach dem Motto „Ich bin doch nicht blöd”. Das wäre die so ziemlich übelste Konsequenz aus der Geschichte. Aber in einer Gesellschaft, in der die Verrohung selbst gutbürgerliche Kreise erreicht, nicht die unwahrscheinlichste.
Rundgeschaut … Die WILIH-Kolumne
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Nun ja, die Konsequenz, auf Zivilcourage zu verzichten, ist leider mehr Selbstschutz und politisch ja ganz offenbar auch gewünscht. Zivilcourage lebt nämlich davon, dass derjenige, der engagiert eingreift wenn Unrecht geschieht, nicht nur hinterher unterstützt wird, sondern dass er auch erwarten kann, dass der Täter, gegen den er beispielsweise vorgeht, einer schnellen und gerechten und konsequenten Strafe zugeführt wird. Denn nur wenn Taten Konsequenzen haben, können Täter etwas lernen. Und auch nur dann gibt es ein hohes Gerechtigkeitsgefühl der Bevölkerung, woraus wieder Zivilcourage erwächst.
Aber nun ist es ja eine Binsenweisheit, wenn man darauf hinweist, dass schon seit sehr, sehr vielen Jahren, insbesondere körperliche Gewalttaten in nicht wenigen Fällen abstoßend gering bestraft werden. Die Opfer solche Gewalttaten bekommen dann quasi hinterher noch einmal die zweite Verletzung.
Wenn Steuerhinterziehung oder das Nichtzahlen von GEZ Gebühren höher bestraft wird als die Verletzung von Menschen mit oft lebenslangen Folgen, dann muss sich weder die Politik noch der gemeine Bürger wundern, dass Zivilcourage nun sicherlich zu den letzten Prioritäten der Bevölkerung gehört.
Denn wenn insbesondere Straftäter, die andere Menschen verletzt haben, vor Gericht landen, dann kann man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorhersagen, dass sie entweder psychisch krank sind und deshalb nicht bestraft werden oder in sehr vielen Fällen ungestraft das Gericht verlassen. Letzteres nennt man dann eine Bewährungsstrafe. Wobei das selbstverständlich keine Strafe ist. In der Bewährungszeit muss der Verurteilte sich einfach an die geltenden Gesetze halten. Etwas, was von jedem Bürger erwartet wird.
Also ja, Zivilcourage sucht man immer mehr vergebens. Und zwar aus einem sehr guten Grund. Und der sitzt in Berlin und in Stuttgart und den anderen Landeshauptstädten.