Mein Freund, der Baum, ist tot

Erinnern Sie sich noch an das Lied „Mein Freund, der Baum”? Komponiert, getextet und gesungen wurde es von der Schlagersängerin Alexandra. 1968 wurde es veröffentlicht. In dem für heutige Verhältnisse ziemlich langen und tiefgründigen Text geht es um einen Baum, der „im Morgenrot” mutmaßlich zugunsten eines Neubauvorhabens „fiel”. Wo der besungene Baum gestanden haben mag, ist nicht überliefert. Dass der Dorfplatz in Heumaden sein Standort war, darf als unwahrscheinlich angenommen werden. Dennoch erinnern Kindheitserinnerungen aus der dortigen Bürgerschaft nach dem Fällen einer großen Roteiche sehr an das, was die Protagonistin aus Alexandras Chanson memorierte: „Als kleines Mädchen kam ich schon zu dir mit all den Kindersorgen, ich fühlte mich bei dir geborgen, und aller Kummer flog davon”. Nun war der Heumadener Baum, als das Lied in die Charts kam, wie wir jetzt wissen, gerade mal um die zwölf Jahre alt. In seiner Nähe dürfte ein damals „kleines Mädchen” also kaum Geborgenheit gespürt haben. Was auch dafür spricht, dass der besungene ein anderer Baum gewesen sein dürfte als der Heumadener. Nichtsdestotrotz: Die Reaktionen von heute zeigen, dass das Thema kein bisschen unmodern ist. Ein Baum, erst recht ein Solitär wie auf dem Dorfplatz, ist mehr als bloß eine Pflanze. Ein Baum kann Treffpunkt sein, Identität stiften, Erinnerungen wach halten, zum Ausruhen einladen und Schatten spenden. Und wahrscheinlich noch viel mehr. Dummerweise kann er aber auch sehr, sehr krank werden. Und dann droht, was in Heumaden geschah: „Mein Freund, der Baum, ist tot.” Doch nun hat die Stadt Stuttgart versprochen, rasch Ersatz zu pflanzen. Doch: Wer das jahrelange Wiehern des Amtsschimmels am Stumpf der gefällten Kastanie in Hedelfingen verfolgt hat, dem darf eine gewisse Skepsis gegenüber behördlichen Versprechungen nicht übel genommen werden. Aber vielleicht legt im städtischen Gartenamt ja diesmal jemand Alexandras Platte auf und macht sich genau diese Textzeile zu eigen, die ganz Heumaden Hoffnung geben mag: „Vielleicht wird es ein Wunder geben”.

Rundgeschaut … Die WILIH-Kolumne


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