Die Sonntagsfrage und der Brief des Jahres

Welche Partei würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre? So lautet die „Sonntagsfrage”. Mehrere Meinungsforschungsinstitute bemühen sie, um den Ausgang der Wahl zum Deutschen Bundestag vorherzusagen. Aktuell werden wir nahezu täglich mit neuen – keineswegs nach einem einheitlichen System ermittelten und damit durchaus interpretationsfähigen – Zahlen versorgt. Zusätzlich versuchen die Wahlforscher zu ermitteln, wen die Deutschen am liebsten als Kanzler(in) hätten. Was ein gern diskutiertes Thema ist, früher an Stammtischen, heute in sozialen Netzwerken. Vermutlich schon deshalb, weil man sich über Menschen aus dem Bauch heraus ein Urteil erlaubt, für die Beurteilung von Wahlprogrammen hingegen den Kopf um Hilfe bitten muss. Wer die Erststimme und welche Partei die Zweitstimme bekommt, darüber wird aber nicht in Umfragen und übrigens keineswegs allein am Sonntag entschieden. Denn seitdem es die Briefwahl gibt, kann man seine Kreuzchen am heimischen Esstisch machen – wann immer man mag, im Zweifel „auf den letzten Drücker”. Und weil man „seit Corona” viele Tätigkeiten wie Lernen, Arbeiten oder Einkaufen innerhalb der eigenen oder gemieteten vier Wände zu erledigen gelernt hat, nimmt die Quote der Briefwähler auch immer mehr zu (auch wenn es für einige der einzige Brief sein dürfte, den sie in diesem Jahr verschicken). Es würde also nicht verwundern, wenn bei der Bundestagswahl mehr als die Hälfte der abgegebenen Kreuzchen in „Heimarbeit” erzeugt werden. Mit dem angenehmen Nebeneffekt, sich am Wahlsonntag nicht die ganz persönliche „Sonntagsfrage” stellen zu müssen, wann man denn nun zum Wahllokal geht und ob man diesen „Wahlgang” mit dem Kirchgang, dem Frühschoppen oder dem neuen Volkssport des Spaziergangs verbindet. Briefwahl muss aber nicht zwingend einen Freiheitsgrad darstellen. Im Gegenteil: Der Gang ins Wahllokal kann auch als Vorwand dienen, einem längst erwarteten Besuch bei wem auch immer einen weiteren Sonntag plausibel aus dem Weg gehen zu können. Das will also abgewogen sein. Ebenso wie die Wahl des Ortes und der Gesellschaft, an dem beziehungsweise in der man erleben möchte, wie die Wahl ausgegangen ist. Was bei uns in der Regel noch am Sonntag zu erwarten ist. Die eigentlich interessante „Sonntagsantwort” – welche Regierung, welche(n) Kanzler(in) und welche Politik wir bekommen – könnte allerdings diesmal gut und gerne einige weitere Sonntage auf sich warten lassen. Das geht dann aber als Ausrede für bereits mehrfach verschobene Sonntagsbesuche nicht mehr durch.

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