Abi mit Traumnote – junger Syrer studiert Physik

Ostfildern, 9. August 2022 … Aus dem Flüchtlingslager im Libanon kam Hatem Al Nasri als Zwölfjähriger nach Deutschland. In der Schule startete er nach ersten Anfangsschwierigkeiten durch. Gerade hat er am Otto-Hahn-Gymnasium (OHG) in Ostfildern-Nellingen das Abitur mit der Traumnote von 1,5 abgelegt. Ab dem Herbst wird er Physik in Karlsruhe studieren.

„Alles war für mich faszinierend“. So beschreibt Hatem Al Nasri (Foto), heute 19 Jahre alt, seine ersten Eindrücke von der neuen Umgebung, in der er sich 2015 wiederfand. Sein Vater Tarek hatte im Jahr zuvor den Aufbruch aus dem Bürgerkriegsland Syrien gewagt und war auf gefährlichem Weg nach Deutschland und Ostfildern gelangt. Er konnte seine Familie – Ehefrau und vier Kinder  – nachholen.

Noch Erinnerungen an die ersten Tage?  Beeindruckend fand der Zwölfjährige vor allem die Stadtbahn. Lokomotiven hatte er wohl schon in Syrien gesehen, war aber noch nie mit einem Zug gefahren. Schon nach wenigen Tagen saß er, mit Kindern vieler Nationalitäten, in der Vorbereitungsklasse. „Wirklich sehr interessant“, sagt Hatem, „man lernt andere Kulturen kennen. Mein bester Freund damals war aus Thailand.” Eine wichtige Hilfe war für Hatem und seine Familie eine Schulkollegin, deren Mutter in der Flüchtlingshilfe aktiv war. „Sie hat mit uns einfach Deutsch gesprochen, aber es gab auch gemeinsame Unternehmungen, mal ins Kino oder auf den Weihnachtsmarkt.“

Im Schuljahr 2015/16 besuchte er abwechselnd die Vorbereitungsklasse und das Otto-Hahn-Gymnasium, dieses zunächst in den Fächern, für die man nicht so viel Deutsch brauchte, also Mathematik oder Englisch. Einen entscheidenden Impuls für den Wechsel zum OHG setzte die Lehrerin Britta Schade. Hatem hatte gezeigt, dass er gut lernen konnte; die Lehrerin der Vorbereitungsklasse befürwortete den Wechsel. 

Die ersten zwei Jahre waren schwierig, es gab einiges aufzuholen. „In der achten Klasse kam der Durchbruch“. Er konnte mehr und mehr mitreden bei den Schulkameraden und mitmachen. „Wichtig waren auch die Lehrer, ich hatte sehr, sehr nette Lehrer“. Sein größter Dank gilt aber seinen Eltern. „Meine Eltern legen großen Wert auf Bildung. Ohne ihre Unterstützung – weniger praktisch als mental, durch ihre Haltung – würde ich es auch nicht schaffen. Sie haben immer daran geglaubt und haben gesagt, du schaffst das, egal was passiert.“

Sein Abizeugnis mit dem stolzen 1,5-Schnitt hat er in der Tasche. Für seine Studienwahl hat er sich eine Liste gemacht. „Was kann ich, wenn ich mich in meinen Träumen zurückziehe, wo kann ich mir eine Zukunft vorstellen und wo nicht?” Schließlich hat er sich für Physik entschieden, Studienort: Karlsruhe. Freimütig sagt er aber auch: „Eigentlich würde ich sogar Philosophie studieren, wenn es nicht darum ginge, im Leben auch Geld zu verdienen“. Gerade bemüht er sich noch um ein Stipendium, mit dem nötigen Quäntchen Glück könnte das gelingen.

Quelle und Foto: Freundeskreis Asyl Ostfildern

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