Ein Stadtbezirk – zwei Rathäuser
Lebendige Ortsgeschichte (Folge 42). Historisches aus und über Hedelfingen – unterhaltsam erklärt von Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer … Über Hedelfingen und Rohracker gibt es viel zu erzählen. Besonders gut und gerne tun dies der ehemalige Hedelfinger Bezirksvorsteher Hans-Peter Seiler und Hedelfingens Ortshistoriker Michael Wießmeyer. Seit Jahren begeistern die beiden Hedelfingen-Fans bei Vorträgen und Führungen ein stetig wachsendes Publikum mit ihren Geschichten über die Geschichte des vor gut hundert Jahren von Stuttgart eingemeindeten Neckarvororts. WILIH veröffentlicht hier eine Serie mit vielen interessanten Blicken auf die Historie Hedelfingens. In loser Folge wollen die Geschichten-über-Geschichte-Erzähler Seiler und Wießmeyer an dieser Stelle Lust auf Hedelfingen machen.

Thema dieser Folge: Ein Stadtbezirk – zwei Rathäuser
Zu diesem Thema bieten Hans-Peter Seiler, Michael Wießmeyer und Kai Freier am 24. Oktober 2026 im Hedelfinger Rathaus für die Volkshochschule eine Führung durch das Hedelfinger Bezirksrathaus an (mehr zu der gebührenfreien „Zeitreise” und einen Link zur Anmeldung finden Sie hier).
Das Rathaus steht im Weg – kann das weg?
Das Rathaus von Hedelfingen stand tatsächlich im Weg, aber es kann nicht so einfach weg, denn es wurde über Jahrhunderte genutzt. Eigentlich stand es erst im 19. Jahrhundert im Weg. Denn erst zu dieser Zeit stieg die Bevölkerungszahl auf über 3.000, die Pferdefuhrwerke und Ochsengespanne wurden mehr, und die ersten Autos tuckerten durch den Ort. Im früheren Dorf Hedelfingen mit seinen rund 500 Einwohnern stand das Rathaus am richtigen Fleck – mitten im Ort. Ecke Esslinger Straße (Amstetter Straße) und Mittelstraße (Heumadener Straße) hatte es 1510 seinen Platz gefunden und beherbergte alle lebensnotwendigen Räumlichkeiten der Gemeinde, so zum Beispiel für den Schultheiß (Bürgermeister), den Polizeidiener, die Arrestzelle, einen Schulraum für die Winterschule, einen Wohnraum, ein bis zwei Räume für die Gemeindeangestellten.
1510 wurde das Rathaus einstöckig gebaut. Es war auch das Wohnhaus des Schultheißen. Es hatte eine (!) Amtsstube. Und eine sehr interessante Lage, mitten an der Hauptstraße von Stuttgart nach Ulm. Im Untergeschoss wurde 1559 die erste Schule in Hedelfingen eröffnet.
1655 wurde das Rathaus umgebaut. Es enthielt einen ungewölbten Keller, der sich bei überlaufendem Bach allerdings öfters mit Wasser gefüllt hat. Im unteren Stock war ein verschließbarer Verschlag, indem sich „Flecken“-Gerätschaften befanden – und ein unbeheizbares Gefängnis, in das gewöhnlich Taugenichtse geschoben wurden. Auf diesem Stockwerk gibt es noch zwei Amtsstuben. Im oberen Stock waren einige Stuben mit Eisenöfen und einer Küche, die zu nichts mehr diente. Sowie eine Holzkammer. Im dritten Stock befanden sich noch zwei Kammern und eine Bühne.
1559 erschien „die erste Wirtembergische Schulordnung“. Das fortschrittliche Hedelfingen eröffnete noch im gleichen Jahr im Untergeschoss des Rathauses eine Schule.
1665 wurde dieses Rathaus großzügig umgebaut, zu einem für die damalige Zeit stattlichen Bau in einer kleinen Weingärtnergemeinde mit 259 Einwohnern.
„Das Alte Rathaus, welches nur drei Zimmer im 1. Stock und die Registratur im Bühnenraum hatte, wurde für die seit 12 Jahren rasch aufwachsende Gemeinde zu klein, auch war dasselbe, weil es zu weit gegen die Straße Stuttgart-Eßlingen und die Straße nach Rohracker vorstand, ein wirkliches Verkehrshindernis.“
Das neue Hedelfinger Rathaus

Die Gemeinde Hedelfingen hat sich im August 1909 zum Bau eines neuen Rathauses durchgerungen.
Die Bauausführung lag in den Händen des Werkmeisters und Architekten Hornung in Esslingen. Man war sehr darauf bedacht, beim Bau nach Möglichkeit die ortsansässigen Handwerksmeister zu berücksichtigen. In kaum mehr als einem Jahr war das stattliche „Neue Hedelfinger Rathaus“ erstellt und konnte bald darauf in Betrieb genommen werden. Die Kosten waren mit 60.000 Mark veranschlagt. Im Erbauungsjahr 1910 zählt Hedelfingen 3.000 Einwohner.
Ortsvorsteher waren vom Jahre 1840 bis 1875 Gottlob Koch, von 1875 bis 1898 Gottlieb Funck, von 1898 an Gotthilf Wendel. Dem Bürgerausschuss gehörten 1910 an: Obmann Jakob Pfeiffer, Friedrich Eisele, Wilhelm Binder, Heinrich Hohl, Jakob Schall, David Bleibler, Kaspar Greß, Wilhelm Heimsch, drei Stellen waren vakant.
Der Rathausbau wurde unter Leitung des Bauführers Gänzle ausgeführt. Die Akkordanten sind: Grab-, Betonier-, Maurer- und Steinhauerarbeit: Albert Bleibler und David Heimerdinger. Zimmererarbeit: Johannes Barth. Schreinerarbeit: Julius Laure und Karl Weeber. Gipserarbeit: Christian Schwarz. Malerarbeit: Johs. Löffler und Paul Schwingers Wwe. Schlosserarbeit: Adolf Pfeiffer. Dachdeckerarbeit: Paul Wehenmeyer. Schmiedearbeit: Wilhelm Otterbach. Tapezierarbeit: Adolf Harsch und Karl Böpple. Bildhauerarbeit: Ernst Mößner und Reinhold Knecht. Flaschnerarbeit: Hermann Braun und August Haigis.
Die Einweihung des Neuen Rathauses (heutiges Bezirksrathaus) erfolgte zusammen mit der Eröffnung der Straßenbahnlinie Nr. 16 am Mittwoch, 21. Dezember 1910. Die Linie 16 verband Hedelfingen mit dem Straßenbahnnetz der Stadt Stuttgart.
„Am Einweihungstag wurde ein großes Fest gefeiert. Schon von Mittag an belebten sich die Straßen nicht nur von hiesigen, sondern auch von vielen Besuchern aus den umliegenden Ortschaften, welche sich die Anfahrt der ersten Straßenbahnwagen nicht entgehen lassen wollten. Um halb 4 Uhr kündigten Kanonenschüsse der Firma Junghans und Kriegeskorte das Herannahen der Festwagen an. Unter dem Festgeläute der Glocken und den Klängen unserer Feuerwehrkapelle fuhren die drei reich bekränzten Wagen, von der Spalier bildenden Menge mit stürmischem Jubel begrüßt, am Rathaus vor, woselbst die ankommenden Festgäste nach einem Gesang des hiesigen Liederkranzes von Schultheiß Wendel mit einer Ansprache begrüßt wurden. Drei Festdamen überreichten mit einem poetischen Gruß den Direktoren der Straßenbahnen duftige Blumenspenden, worauf die Gäste unter Führung des Herrn Schultheißen das schön geschmückte Rathaus besichtigten.“ So berichtete die Untertürkheimer Zeitung damals.
Nach der Eingemeindung von Hedelfingen nach Stuttgart wurde aus dem Rathaus das Bezirksrathaus. Aus dem Bürgermeister wurde der Bezirksvorsteher. Während des zweiten Weltkrieges war das Bezirksrathaus ausgelagert, und Hedelfingen wurde von Obertürkheim mit verwaltet. Nach dem Krieg wurden im Hedelfinger Rathaus eine Polizeiwache, der Bezirksvorsteher, Standesamt, Rentenstelle, Stadtkasse, Arbeitsamt, Gesundheitsamt, städtische Girokasse und Meldestelle untergebracht. Die letzte Renovierung fand in den Jahren 2021 bis 2022 statt. Ein Aufzug wurde eingebaut, um Barrierefreiheit zu garantieren. Seitdem erstrahlt das Haus in neuem Glanz.
Ab 1947 stand Herr Frech der wieder selbständig gewordenen Geschäftsstelle Hedelfingen vor. Bezirksvorsteher Otto Knauß leitete das Bezirksamt von 1955 bis 1972, Heinz Weber von 1972 bis 2002, Hans-Peter Seiler von 2002 bis 2015, und Kai Freier seit 2015.
Blick nach Rohracker

Das erste Schulhaus in Rohracker (nach 1728 erbaut, Rohracker Straße 273) diente auch als Rathaus und Lehrerwohnung. Ein neues Rathaus wurde 1845 an der Sillenbucher Straße gegenüber der Kelter erbaut, etwa zeitgleich mit einem neuen Schulhaus an der Tiefenbachstraße. 1935 wurde das Rathaus umfassend umgebaut.
Das Rathaus war nicht nur Verwaltungssitz, sondern auch ein Ort der Erinnerung: Am Rathaus war eine Tafel angebracht, die an das Hochwasser vom 16. Juni 1914 erinnert, als das Wasser 1,2 Meter hoch stand. Diese Hochwassermarke befindet sich heute an der Kelter.
Mit der Eingemeindung Rohrackers nach Stuttgart am 31. März 1937 verlor das Rathaus seine Funktion als eigenständiges Gemeindezentrum. Die Verwaltung wurde nach Sillenbuch verlegt, und die Gemeindeakten gingen ins Stadtarchiv Stuttgart über. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm das Bezirksamt Hedelfingen die Verwaltungsaufgaben, da Rohracker, Hedelfingen und Lederberg einen Stadtbezirk bildeten. In dem Gebäude war lange Zeit ein Polizeiposten untergebracht, und das Gesundheitsamt hielt regelmäßig Sprechstunden ab. Als das Gebäude nach 2000 baufällig wurde, zogen die Dienststellen und die Wohnraummieter aus und das Gebäude wurde abgebrochen.
Heute befinden sich dort Reihenhäuser und die Bushaltestelle.
Das Beitragsbild ganz oben zeigt das Hedelfinger Rathaus zur Zeit der Eingemeindung Hedelfingens nach Stuttgart im Jahre 1922.
WILIH dankt Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer für diese Geschichte. Die historischen Fotos und Dokumente stammen aus dem Fundus des Alten Hauses Hedelfingen.
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