Die Glocken der Alten Kirche Hedelfingen – Teil 1
Lebendige Ortsgeschichte (Folge 38). Historisches aus und über Hedelfingen – unterhaltsam erklärt von Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer … Über Hedelfingen und Rohracker gibt es viel zu erzählen. Besonders gut und gerne tun dies der ehemalige Hedelfinger Bezirksvorsteher Hans-Peter Seiler und Hedelfingens Ortshistoriker Michael Wießmeyer. Seit Jahren begeistern die beiden Hedelfingen-Fans bei Vorträgen und Führungen ein stetig wachsendes Publikum mit ihren Geschichten über die Geschichte des vor gut hundert Jahren von Stuttgart eingemeindeten Neckarvororts. WILIH veröffentlicht hier eine Serie mit vielen interessanten Blicken auf die Historie Hedelfingens. In loser Folge wollen die Geschichten-über-Geschichte-Erzähler Seiler und Wießmeyer an dieser Stelle Lust auf Hedelfingen machen.

Thema dieser Folge: Die Glocken der Alten Kirche Hedelfingen (Teil 1) – Geschichten über Glockengießer, Schultheißen, Pfarrer und Glocken
Heute haben wir uns die Glocken der Hedelfinger Alten Kirche vorgenommen. Dazu muss man wissen, dass die Alte Kirche im Jahr 1468 wesentlich verändert wurde. Das bis dahin vorhandene Kirchenschiff bekam einen Chor und eine Sakristei angebaut. Die früher vorhandene Malerei wurde komplett durch neue Darstellungen christlicher Motive übermalt.
Auch ein Turm war auf der Kirche. Es ist allerdings kein Turm im herkömmlichen Sinne, sondern er wurde auf dem Dach des Kirchenschiffes festgemacht, also handelt es sich um einen Dachreiter. Üblicherweise befinden sich in diesem Turm auch Glocken. Also ist davon auszugehen, dass in diesem Jahrhundert auch Glocken installiert wurden. Allerdings sind die Aufzeichnungen hierüber nicht lückenlos. Die Reformation hat da einiges unwiederbringlich zerstört. Wir können davon ausgehen, dass drei Glocken auf diesem überschaubaren Kirchturm angebracht waren.
GLOCKE 1: Die große Glocke bekam am 30. August 1839 beim Läuten einen 40 cm langen Sprung, wodurch sie „zum Läuten ganz unbrauchbar wurde“. Jetzt war große Eile geboten. Es war umgehend für Ersatz zu sorgen, „da diese Glocke durchaus unentbehrlich war, wenn das Geläut im Dorf hörbar sein sollte“. Pfarrer Georg Rudolf Mann war gerade erst ein Jahr in Hedelfingen und hatte dadurch große Probleme, die es dringend zu lösen galt. Geld war in Hedelfingen mal wieder nicht vorhanden, sodass man auf die Idee kam, den Sprung auszusägen und reparieren zu lassen. Die Glockengießerei Kurtz hielt das bei einem so großen Sprung für nicht machbar. Also gab man sie schweren Herzens und mit leerem Geldbeutel zum „Umgießen“ zu Kurtz. Umgießen bedeutet nichts anderes, als dass das Material für die neu zu gießende Glocke benutzt wird. Im Mai 1840 brachte die Glockengießerei Kurtz die neue Glocke nach Hedelfingen in die Alte Kirche. Im Protokoll des Stiftungsrates heißt es: „Da bei der Heiligenkasse kein Geld vorhanden ist, auch sie alljährlich an einem Defizit leidet, so wird der Gemeinderat beauftragt, für die Herbeischaffung der zur Zahlung der Glocke erforderlichen Mittel mittels Kapitalaufnahme zu sorgen.“
Die Glocke wird wie folgt beschrieben: Gewicht 467 kg, Durchmesser 0,93 m. Ton: as. Bildnis auf der Vorderseite: Christusbild. Inschrift auf der Rückseite: Gegossen von Heinrich Kurtz in Stuttgart 1840. Verzierung am oberen Rand mit sog. griechischem Eierstab, darunter mit einem Kranz von Akanthusblättern.
Vorstehend war mehrfach die Glockengießerei Kurtz erwähnt, die wir Ihnen nun etwas näher vorstellen wollen.
Die Glockengießerei Kurtz war eine bedeutende schwäbische Glockengießerfamilie aus Reutlingen und Stuttgart, die von 1690 bis 1962 zahlreiche Glocken sowie Feuerspritzen herstellte und die die technische Entwicklung in diesen Bereichen über 200 Jahre hinweg maßgeblich beeinflusste.
Geschichte der Familie: Die Familie Kurtz stammt aus einem alten Bauerngeschlecht. Der erste bekannte Glockengießer war Michael Kurtz, der 1690 in Reutlingen eine Werkstatt für Glocken- und Rotguss gründete. Wichtige Familienmitglieder: Michael Kurtz (1651–1727), Johannes Kurtz (1681–1762), Johann Heinrich Kurtz (1779–1853), der die Stuttgarter Firma gründete, Wilhelm Kurtz und sein Sohn Hans Kurtz, die zwischen 1947 und 1962 fast 3.650 Glocken gossen.
Glockenproduktion: Die Kurtz’sche Gießerei fertigte besonders viele Glocken im süddeutschen Raum, die noch heute existieren. Die bekanntesten Aufträge umfassten unter anderem Glocken für Kirchen in Stuttgart, Esslingen, Backnang, Bad Boll, Wangen im Allgäu und viele weitere Städte. Die letzte von der Familie gegossene Glocke wurde 1962 für die Stadtkirche St. Dionys in Esslingen hergestellt.
Die Gießerei in Stuttgart befand sich an der Heusteigstraße 41, nachdem die ursprüngliche Fabrik an der Marienstraße auf Anweisung der Stadt aufgegeben werden musste. Neben Glocken wurden teilweise komplexe Geläute für große Kirchen erstellt. Neben Glocken war die Familie Kurtz führend in der Herstellung von handbetriebenen und später motorisierten Feuerspritzen. Johann Heinrich Kurtz gründete 1803 die Stuttgarter Firma, die als renommiertester Feuerspritzenhersteller im deutschen und europäischen Raum galt.
Interessant ist die historische Verbindung zur frühen Automobiltechnik: Karl Wilhelm aus der Familie Kurtz fertigte 1883 Gussteile für die ersten Verbrennungsmotoren von Gottlieb Daimler und baute 1888 die erste motorisierte Feuerspritze weltweit zusammen mit Daimler.
Bedeutung und Erbe: Die Gießerei und die Familie Kurtz spielten eine zentrale Rolle in der regionalen Handwerkstradition, sowohl in der Glockenherstellung als auch in der Entwicklung handwerklich und technisch anspruchsvoller Feuerwehrgeräte. Viele Arbeiten der Gießerei sind noch in Kirchen und Museen erhalten, und ihre Arbeiten werden als Meilensteine der Glocken- und Maschinenbaugeschichte gewürdigt.
GLOCKE 2: Die mittlere Glocke war 1767 und 1808 gesprungen und jeweils „umgegossen worden“. Am 26. April 1863 kam es schon wieder zu einem Sprung. Die Arbeiten wurden von Pfarrer Hermann Ludwig Rooschüz, eine stattliche Erscheinung und ein beeindruckender Prediger, im „Schwäbischen Merkur“ ausgeschrieben. Rooschüz war der Bruder der bekanntesten Schriftstellerin ihrer Zeit: Ottilie Wildermuth. Drei Firmen beteiligten sich an der Ausschreibung und gaben ein Angebot ab: Die sehr renommierte Glockengießerei Kurtz in Stuttgart, die Glockengießerei Vogt und die Glockengießerei Knittel, beide in Cannstatt sesshaft. Die Firma Knittel gab das billigste Angebot ab, und der Stiftungsrat beschloss, dass sein Angebot „nicht nur das Billigste, sondern auch bezüglich der Tüchtigkeit und Solidität des Meisters nach den ausgelegten Attesten aus der neuesten Zeit über die Kirchenglocken eine tüchtige Ausführung erwarten“ ließ. Eine interessante Begründung, da es die Firma Knittel gerade mal ein paar Jahre gab. Die Firma Knittel erhielt den Auftrag.
Die Glocke wird wie folgt beschrieben: Gewicht 235 kg, Durchmesser 0,77 m. Ton: h. Inschrift auf der Vorderseite: Pfarrer Rooschüz, Schultheiß Koch, Stiftungspfleger Will. Inschrift auf der Rückseite: Gegossen von Karl Knittel in Cannstatt 1863. Verzierung am oberen Rand mit sog. griechischem Eierstab, darunter Reben und Weinlaub.
Wir haben bezüglich der Glockengießerei Knittel recherchiert und in unterschiedlichen Quellen folgendes gefunden: Die Glockengießerfamilie Knittel war in Cannstatt aktiv, wobei Mitglieder dieser Familie im 18. und 19. Jahrhundert Glocken gossen und gelegentlich in Konflikt mit den örtlichen Behörden gerieten, insbesondere wegen Gefahren durch ihre Gießhütten.
Familienhintergrund und Tätigkeit: Die Gießerfamilie Knittel gehörte zu den sogenannten Rotgießern, die im Bereich Metallgießerei spezialisiert waren. Glocken wurden in dieser Zeit aus einer Mischung aus Kupfer und Zinn gegossen, wobei der Kranz der Glocke, an dem der Klöppel schlägt, von besonderer Bedeutung war. Zu den Arbeiten gehörte die Herstellung von Kirchenglocken, Mörsern und gelegentlich mechanischen Geräten. Die Gießerei in Cannstatt war eine lokal ansässige Werkstatt, die vermutlich aufgrund ihrer handwerklichen Bedeutung sowohl für die Kirche als auch für öffentliche Einrichtungen Glocken herstellte.

Persönliche und berufliche Ereignisse: Wiederholte Protokolleinträge aus Cannstatt zeigen, dass ein Glockengießer Knittel mehrfach in Auseinandersetzungen mit Behörden und Nachbarn verwickelt war. Hintergrund waren Probleme mit seiner Gießhütte, die letztlich wegen Feuergefahr geschlossen wurde. Dies führte dazu, dass er sich schließlich nach Stuttgart umsiedelte, um seine Arbeit dort sicherer fortzusetzen.
Bekannte Vertreter: Historische Quellen listen verschiedene Mitglieder der Familie Knittel als Glockengießer auf, darunter Carl Philipp Heinrich Knittel (1851–1866), ein Vertreter der Gießtradition in Cannstatt, Johann Friedrich Knittel (1745–1804), ebenfalls als Glockengießer tätig, und Albrecht Knittel (1898–1959), vermutlich ein nachfolgender Gießer der Familie.
GLOCKE 3: 1863 war das Glockenjahr der Kirchengemeinde Hedelfingen. Die kleine Glocke passte plötzlich nicht mehr zu den beiden anderen Glocken und man empfand eine Disharmonie der drei Glocken miteinander. Offensichtlich hatte die Gemeinde ausnahmsweise keine große finanzielle Not, und der Stiftungsrat beschloss daher, „da die noch gute kleine Glocke mit den beiden andern nicht harmonisiert und es wünschenswert erscheint, dass das Geläut der drei Glocken in Harmonie gebracht werden soll, auch diese Glocke zum Umguss gebracht werden solle“.
Diesmal beschloss man ohne große Ausschreibung, die Arbeit an den bewährten Glockengießer Kurtz zu vergeben.
1904 zersprang die kleine Glocke und musste wieder zur Glockengießerei Heinrich Kurtz nach Stuttgart gebracht werden. Sie sollte wieder „umgegossen“ werden. Karl Martin Reischle war zu dieser Zeit Pfarrer, sieben Kinder hatte er. 1903 hat er den Hedelfinger Posaunenchor ins Leben gerufen. Auch der Kindergottesdienst war ihm ein wichtiges Anliegen. Nach seinem Weggang aus Hedelfingen wurde er Inspektor der bekannten Anstalt Stetten im Remstal.

Am 7. Dezember fuhr Bäckermeister David Schray mit seinem Fuhrwerk die kleine gesprungene Glocke nach Stuttgart zur Glockengießerei Kurtz.
Noch am 20. Dezember war die neue kleine Glocke wieder gegossen und abholbereit. Wieder fuhr Schray mit seinem Pferdefuhrwerk nach Stuttgart und holte die schön geschmückte Glocke. 369,75 Mark berechnete Kurtz für seine Arbeit: Das alte Joch wurde mit einem Stück Eichenholz ausgefüttert und die Krone der neuen Glocke eingelassen. Für die alte, gesprungene Glocke gab es noch einen Materialwert von 195,55 Mark. 134 kg soll sie gewogen haben.
Die Glocke wird wie folgt beschrieben: Gewicht 144,5 kg, Durchmesser 0,63 m. Ton: scharfes dis. Inschrift auf der Vorderseite: Eine feste Burg ist unser Gott. Inschrift auf der Rückseite: 1904 Hedelfingen. Pfarrer K. Reischle, Schultheiß G.Wendel, Kirchenpfleger Cr. F. Lautenschlager. Verzierung: Weinranken und Trauben.
Ist Ihnen aufgefallen, dass die Glocken als Inschrift immer wieder den Namen des Schultheißen (Bürgermeister) bekommen? Warum ist das so?
Der Name des Schultheißen wird auf Glocken angegeben, weil er im Mittelalter als Amtsträger sowohl weltliche als auch gemeinschaftliche Interessen in der Stadt oder Gemeinde vertrat und für wichtige Vorgänge verantwortlich war, zu denen auch die Beschaffung, Finanzierung oder Weihe einer Glocke gehörte. Konkret lassen sich folgende Gründe unterscheiden:
Zeugnis der Mitverantwortung und Stifterrolle
Schultheiße waren oft an der Finanzierung oder Organisation des Glockengusses beteiligt, sei es durch direkte Mittel aus ihrem Amt, durch Sammlung von Abgaben oder durch die Koordination der Bürgerschaft. In Inschriften wurden daher ihre Namen genannt, um ihre Mitwirkung am Geläut zu dokumentieren und als Dank oder Ehrung zu vermerken.
Rechtliche und administrative Verbindlichkeit
Glocken waren im Mittelalter nicht nur liturgische Instrumente, sondern auch juristische und kommunale Signalmittel: Sie riefen z.B. zu Gericht, zum Rat oder bei Notfällen. Das Nennen des Schultheißen machte gleichzeitig die rechtliche Zuständigkeit dieser Amtsperson für die Glockenbenutzung und das damit verbundene öffentliche Handeln sichtbar.
Symbolische Verbindung von Autorität und Schutz
Glocken hatten eine apotropäische Funktion, d.h. sie sollten Unheil und Unwetter abwehren. Durch die Namensnennung des Schultheißen auf der Glocke wurde sichtbar gemacht, wer in der Gemeinde das Wohl der Bürger garantierte und damit sowohl weltliche als auch schützende Verantwortung innehatte.
Tradition und Dokumentation
Neben den Schaltfunktionen enthalten Glockeninschriften oft zudem Jahreszahlen, Gießer- oder Kirchenpatronangaben. Die Aufnahme des Namens des Schultheißen war Teil dieser organisatorischen und historischen Dokumentation, die sowohl Zeugnis der Gemeindeverwaltung als auch des Zusammenwirkens von Verwaltung, Kirche und Bürgerschaft ablegt.
Die Glockengeschichte ist eigentlich noch nicht zu Ende. Wir wollen Sie aber nicht zu sehr strapazieren und beenden hiermit den 1.Teil. In der demnächst erscheinenden zweiten Folge wollen wir Ihnen dann den wackelnden Kirchturm vorstellen und uns mit weiteren neuen Glocken befassen. Wir klären auch, warum die Hedelfinger den Kirchenschlüssel weggeworfen haben.
Besonderen Dank sagen wir an dieser Stelle an Dr. Blessing und Norbert Jung.
Das Beitragsbild oben zeigt die Alte Kirche 1890, ein Gemälde von Benjamin Will Weingärtner
Quellen: Feuerwehrmuseum Stuttgart, Wikipedia, Archiv Altes Haus, eigene Erhebungen.
WILIH dankt Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer für diese Geschichte. Die historischen Fotos und Dokumente stammen aus dem Fundus des Alten Hauses Hedelfingen.
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