Kamm, Pastell und Buttermilch im Kunstmuseum

Stuttgart-Wangen … Kunsthistorikerin Romana Wojtynek vermittelte im Rahmen einer Führung im Kunstmuseum Stuttgart Kunstinteressierten der SportKultur Stuttgart kenntnisreich und engagiert den Einsatz spezieller und ungewöhnlicher Hilfsmittel, Werkzeuge und Materialen, die die Stuttgarter Maler Willi Baumeister (1889-1955), Adolf Hölzel (1853-1934) und Fritz Seitz (1926-2017) für ihr Werk verwendeten. Schon der Ausstellungstitel „Kamm, Pastell und Buttermilch“ machte neugierig auf die Arbeitsmittel der drei Künstler. Verbindung zwischen den Malern besteht durch ihre Lehrtätigkeit an der Stuttgarter Akademie; Baumeister studierte bei Hölzel, Seitz bei Baumeister.

Vor seinem Studium hatte Willi Baumeister den Beruf des Dekorationsmalers gelernt. Während dieser handwerklichen Ausbildung wurde ihm die Fertigkeit vermittelt, mittels eines speziellen Metallkamms als Wandschmuck Ornamente auf noch leicht feuchtem Putz zu gestalten. Diese Technik benutze Baumeister später für gegenstandslose „Kammzugbilder“. Dazu bestrich er Hartfaserplatten mit Spachtelmasse. Mit dem Stahlkamm strich er dann elegante, flache reliefartige Muster. Anschließend wurde die Farbe auf die Höhen der Kammzug-Reliefs getupft. In einem Interview kurz vor seinem überraschenden Tod 1955 betonte Baumeister, sich in allererster Linie als Handwerker zu fühlen.

Ein weiteres profanes Material im künstlerischen Einsatz war Sand. Baumeister mochte keine glänzenden Bilder. Er experimentierte daher mit einem Gemisch aus Sand, Spachtelmasse und Farbpigmenten, das er auf gut grundierte Hartfaserplatten mit Spachtel oder auch mit einem Pinsel aufträgt. Es entsteht so eine matte, raue Oberfläche die sich durch Verstreichen und Verschieben gestalten lässt.

Eine besondere Herausforderung im Maleratelier ist der Umgang mit Buttermilch. Dieses außergewöhnliche Medium wird temporär zur Mattierung glänzender Flächen eingesetzt, die Anwendung dieses Naturprodukts ist nicht ganz unproblematisch. Das Abtragen nach der Einwirkzeit ist aufwändig und bedarf eines besonderen Fingerspitzengefühls, denn verbleibende Reste neigen gerne dazu, zu schimmeln.

Spannend kuratiert ist ein Dialog von Pastellen der drei Künstler. Pastelle sind sehr empfindliche Kunstwerke durch die nur schwache Haftung der Farbpigmente auf dem Untergrund. Man sieht das deutlich bei den zart und duftig anmutenden Werken von Fritz Seitz, der sogar auf eine Fixage verzichtete. Adolf Hölzel, als früher Protagonist der abstrakten Malerei, wählte für seine Pastelle kräftige, fast strahlende Farben. Farblich eher zurückhaltend, graphisch abstrakt dagegen wirken die Exponate, die im Atelier von Willi Baumeister entstanden.

Neben dem Kunstgenuss an sich nahmen die SportKultur-Kunstfreunde viel Wissen von einem phantasievollen, interessanten, unerwarteten Einsatz und Umgang von und mit ungewöhnlichen Materialien und Werkzeuge in der Malerei mit nach Hause.

Quelle und Foto: SportKultur Stuttgart (Klotz)

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