Kirchenglocken in Hedelfingen (Teil 3) – Kreuzkirche
Lebendige Ortsgeschichte (Folge 41). Historisches aus und über Hedelfingen – unterhaltsam erklärt von Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer … Über Hedelfingen und Rohracker gibt es viel zu erzählen. Besonders gut und gerne tun dies der ehemalige Hedelfinger Bezirksvorsteher Hans-Peter Seiler und Hedelfingens Ortshistoriker Michael Wießmeyer. Seit Jahren begeistern die beiden Hedelfingen-Fans bei Vorträgen und Führungen ein stetig wachsendes Publikum mit ihren Geschichten über die Geschichte des vor gut hundert Jahren von Stuttgart eingemeindeten Neckarvororts. WILIH veröffentlicht hier eine Serie mit vielen interessanten Blicken auf die Historie Hedelfingens. In loser Folge wollen die Geschichten-über-Geschichte-Erzähler Seiler und Wießmeyer an dieser Stelle Lust auf Hedelfingen machen.

Thema dieser Folge: Kirchenglocken in Hedelfingen (Teil 3) – Kreuzkirche
Am 26. Oktober 1930 wurde die Neue Kirche, heute Kreuzkirche, eingeweiht. Die erste Kirche des modernen Kirchenbaus, die in Württemberg gebaut wurde. Ein großes Ereignis in Hedelfingen, in Stuttgart und in Württemberg.
Die vier Glocken der Neuen Kirche waren von der Glockengießerei Kurtz mit Sitz in Stuttgart optimal aufeinander abgestimmt worden. Es war das schönste Geläut ringsherum. Wir behaupten: Immer noch.
1. Dankglocke: Gewicht 1.318 kg, Durchmesser 1,30 m, Ton es’
Inschriften: „Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist seinen heiligen Namen“
„Evangelische Kirchengemeinde Stuttgart-Hedelfingen, 1930“

2. Totenglocke: Gewicht 800 kg, Durchmesser 1,09 m, Ton ges’
Inschrift: „Sei getreu bis in den Tod“ (Dem Gedenken der Gefallenen gewidmet)
„Evangelische Kirchengemeinde Stuttgart-Hedelfingen, 1930“
3. Lutherglocke: Gewicht 560 kg, Durchmesser 0,97 m, Ton as’
Inschrift: „Eine feste Burg ist unser Gott“
„Evangelische Kirchengemeinde Stuttgart-Hedelfingen, 1930“
4. Heimatglocke: Gewicht 401 kg, Durchmesser 0,86 m, Ton b’
Inschrift: „Er ist unser Friede“
„Evangelische Kirchengemeinde Stuttgart-Hedelfingen, 1930“
Lange konnten die neuen Glocken ihren Dienst nicht erfüllen, lediglich von 1930 bis 1942, denn auch sie mussten für „Rüstungszwecke“ im Zweiten Weltkrieg abgeliefert werden. Am 4. Januar 1942 nahm die Gemeinde in einem Gottesdienst Abschied von ihren neuen Glocken. Zurück blieb nur noch die kleine Glocke, die „Heimatglocke“. Sie diente weiterhin als Läuteglocke, und Pfarrer Emil Lauxmann sagte beim Abschied: „Lasst uns, wenn die drei anderen verstummt sind, um so mehr auf ihre helle Stimme hören und ihrem Ruf folgen, wenn sie zum Gottesdienst lädt!“
Erich Dalferth hat 1946 eine Erinnerungsnotiz verfasst. „Viele Glocken kamen als „Rüstungsreserve“ ins große Glockenlager nach Schleswig-Holstein. Nach Kriegsende waren dort noch eine Vielzahl von Kirchenglocken,… Hedelfingen hat leider keine zurückbekommen. Unsere guten Glocken waren alle „verpulvert“.
Mein Schwiegervater, der Weingärtner Karl Pfeiffer in Hedelfingen, Jahrgang 1876, sagte mir damals, als die Glocken geholt wurden: „Der Krieg ist für uns verloren. Wenn die Kirchenglocken, die einen Friedensruf zum Gotteshaus zu erfüllen haben, zum Morden verwendet werden, dann ist alles verloren. Dem Volk, das so etwas tut, dem kann Gott nicht mehr beistehen. Da hilft alle Tapferkeit der Soldaten nicht mehr. Du wirst sehen, wir verlieren den Krieg.“ Und er hatte Recht.

Die Glocken wieder zu ersetzen, war ein Kraftakt in zwei Akten:
Deutschland war in Schutt und Asche, und trotzdem war die Spendenfreudigkeit der Hedelfinger Bevölkerung groß. Spenden von Geschäftsleuten und der Industrie ermöglichten die Teilfinanzierung von zwei Glocken. Die Kirchengemeinde hatte noch einige Jahre die Glocken abzuzahlen.
1951, vor 75 Jahren, war es so weit. Die zwei neuen Bronzeglocken, die Totenglocke und die kleinere Lutherglocke wurden am 19. September bei der Glockengießerei Kurtz in Stuttgart gegossen. Sie erhielten dieselben Symbole und Inschriften wie die Vorgängerinnen.
Der Glockenguss erfolgt seit Jahrhunderten immer nach demselben Ablauf. Erich Dalferth beschreibt den Glockenguss:
„…dann wurde zum Guss geschritten, alles ist gut und wie vom Meister Kurtz und seinem tüchtigen Sohn vorgesehen und geleitet, verlaufen. „In die Erd‘ ist‘s aufgenommen, glücklich ist die Form gefüllt.“ In Dankbarkeit und Freude stimmten alle geladenen Gäste aus vollem Herzen mit Meister Kurtz und seinen Gesellen das Lied an: Lobet den Herrn, den mächtigen König der Ehren.”
Am 21. Oktober wurden die Glocken im Turm untergebracht, und sehr viele Hedelfinger schauten diesem Spektakel zu. Natürlich war der Posaunenchor dabei, um die Glocken zu begrüßen.
Erst zehn Jahre später, am 4. Juli 1961, kam die 27 Zentner schwere Dankesglocke wieder nach Hedelfingen. Eine der letzten Glocken, die von der Glockengießerei Kurtz am 29. April noch gegossen wurde.
Bereits vor 65 Jahren war wohl „Lärmbekämpfung“ schon ein Thema, wie die Untertürkheimer Zeitung berichtet: „Kirchengemeinderat Alber bestreitet in seiner Ansprache, dass das Kirchengeläut darunterfalle. Das jetzt wieder vollständig erklingende Glockengeläut werde laut und vernehmlich zum Gottesdienst einladen und die Langschläfer wecken und jeden persönlich ansprechen. In der Kirche gibt es noch Platz und Gottes Ruf: „Noch immer ist mein Haus nicht voll“ könnte unschwer auf Dauer überhört werden.”

Alfred Daiber beschreibt das Ereignis so: „Nach zwei Gebetsversen aus dem unseren Vorfahren recht bedeutsam gewesenen Choral „Verleih uns Frieden gnädiglich“ schloss diese Feier mit dem Wunsch, dass das Geläute der Gemeinde recht lange erhalten bleibe. Mit einem Autokran wurde die Glocke am anderen Morgen auf den 25 Meter hohen Turm hochgezogen und von oben her an ihren Platz gebracht. Mit der Einrichtung und Anbringung von Klöppelauffangvorrichtungen und Überholen des alten Läutwerkes wurde bereits begonnen.”
65 Jahre später ist das Vollgeläut immer noch eine wahre Pracht. Ergänzt durch die fünfte Glocke von der Alten Kirche gab es 2018 sogar ein Glockenkonzert mit David Gigauri und Tobias Launag. Es war ein besonderes Hörerlebnis. Glockenkonzerte mit zwei verschiedenen aufeinander abgestimmten Kirchen gibt es nicht so oft, und wenn es in Hedelfingen, auch „nur” fünf Glocken sind, ist es eine Besonderheit. Dabei ist es im Fall von Hedelfingen wichtig, den richtigen Standort zum Zuhören zu finden, weil die im Betonturm hängenden Glocken der Kreuzkirche die eher zurückhaltend klingende Glocke der Alten Kirche an den meisten Orten übertönen.
Die nächste Turmführung durch die Glockenstube, mit Ausblicken auf Hedelfingen und Umgebung mit Erklärungen auf dem Turmplateau, findet am Sonntag, 11. Oktober 2026, nachmittags statt.
Besonderen Dank richten die Autoren Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer an Dr. Blessing.
Quellen: Archiv Altes Haus, eigene Erhebungen.
Das Beitragsbild oben zeigt die feierliche Anlieferung der vier Glocken vor der Kreuzkirche im Jahr 1930
WILIH dankt Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer für diese Geschichte. Die historischen Fotos und Dokumente stammen aus dem Fundus des Alten Hauses Hedelfingen.
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