Mit der U5 mitten hinein ins Kunstwerk

Stuttgart-Wangen … Einige kunstinteressierte Mitglieder der SportKultur Stuttgart frönten kürzlich wieder ihrem Steckenpferd. Sie ließen sich vom Künstler selbst die „Kulturströme“ in der SSB-Haltestelle Killesberg erläutern.

Die Stuttgarter Stadtbahnlinie U5 hat ihre Endhaltestelle mitten in einem Kunstwerk. Die Station Killesberg wurde 1993 als Hauptzugang für die Messe und die Internationale Gartenbauausstellung (IGA) eröffnet. Die freien Architekten Bidlingmaier/Egenhofer/Dübbers haben sie großzügig und repräsentativ für einen großen Personendurchsatz gestaltet.

Während langer Diskussionen über die künstlerische Gestaltung des Bauwerks stießen die Verantwortlichen auf Arbeiten des Stuttgarter Fotokünstlers Ulrich Bernhardt. Nach vielen intensiven Beratungen entwickelte sich das Projekt „Kulturströme“ – ein Fotofries, das die Flüsse Neckar und Rhein, jeweils von der Quelle bis zu ihrem Zusammenfluss in Mannheim, szenisch darstellt.

Mit großem Aufwand und namhaftem Engagement der Kodak AG machte sich Bernhardt ans Werk. Er besuchte entlang der beiden Flüsse über 250 Orte, legte während aller vier Jahreszeiten an 168 Reisetagen mit Auto, Bahn, Fahrrad und zu Fuß über 18.000 km zurück. Am Ende waren 600 Kleinbild-Diafilme belichtet. Also galt es, mehr als 3.000 Aufnahmen zu sichten, auszuwählen und für die Zusammenbelichtungen für das Filmfries zu komponieren. Eine große Herausforderung war die Herstellung der beiden je 1,50 m hohen und 153 m langen Friese selbst.

Die Digitaltechnik steckte noch in den Kinderschuhen, das Handling war dementsprechend kompliziert. Bei der Firma Farbfoto Harz in Düsseldorf konnten mit dem digitalen Composing-Verfahren Scanachrome die Vorlagen in zweiwöchiger Arbeit auf den Bildträger aufgeplottet werden. Ein spezialisierter Operator ist dazu extra aus Kanada angereist. Das Einarbeiten der Drucke in Schichtpressstoffplatten übernahm ein Unternehmen in Großbritannien.

Im Rahmen einer Führung für eine Gruppe Kunstinteressierter der SportKultur Stuttgart erläuterte der Künstler selbst die Entstehungsgeschichte dieses einzigarten künstlerischen Werks. Die in Augenhöhe auf den Außenwänden der Haltestelle montierten Friese zeigen in einer besonderen Ästhetik eine spannende Verbindung von Fluss, Landschaft, Kultur, Menschen, Wirtschaft und Geschichte. Zu jedem der 109 Einzelbildkompositionen wusste Bernhardt interessante Hintergrundgeschichten über deren Entstehung zu berichten – Begegnungen mit Menschen, Geschichten und Geschichte zu Personen, Gebäuden und Landschaften. 

Seit dem Umzug der Messe vom Killesberg zum Flughafen hat die Haltestelle ihre Bedeutung verloren. Abgestellte Stadtbahnzüge verdecken zeitweise das Kunstwerk. Zudem sind die Friese seit geraumer Zeit vernachlässigt. Eine regelmäßige Reinigung und die Entfernung des Taubendrecks sollte der SSB dieser einmalige Schatz allemal wert sein, meinen die Kunstfreunde der SportKultur. 

Quelle und Text: SportKultur Stuttgart (Norbert Klotz). Fotos: Bernhardt/Transmedia-Art.

Buchtipp: „Kulturströme Neckar-Rhein“ Bernhardt, Ulrich / Ferchl, Irene u.a.  Erhältlich direkt beim Autor – E-Mail: bernhardt@transmedia-art.de.

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