Sozialpraktikum in der Notunterkunft „GF32“ – Realität anders als Vorurteile

Stuttgart-Sillenbuch … Schon früh war für Marie Anderer und Johannes Rübesamen klar, dass ihr Sozialpraktikum „was mit Flüchtlingen” zu tun haben sollte. Die beiden Gymnasiasten waren vom 22. bis 26. Februar täglich in der neuen Notunterkunft GF 32 in Sillenbuch. Das einwöchige Praktikum ist für die Neuntklässler am Geschwister-Scholl-Gymnasium (GSG) Pflicht.

Marie Anderer und Johannes Rübesamen
Marie Anderer und Johannes Rübesamen beim Abschluss ihrer Fotoaktion in der Flüchtlingsunterkunft.

Doch was verpflichtend im Lehrplan steht, muss keineswegs als lästige Pflichtübung verstanden werden. Von der ersten Minute an berichten die beiden 15-Jährigen mit leuchtenden Augen von ihrer Woche in der Flüchtlingsbaracke. Johannes ist sogar davon überzeugt, dass Marie und er „das beste Praktikum” der 9d erwischt haben. Folgerichtig wollen beide jetzt auch im Freundeskreis Gorch-Fock-Straße mithelfen.

„Offene und nette Menschen”

Geholfen hat Marie und Johannes ganz bestimmt ihre Offenheit. Beide haben sich schon länger mit der Flüchtlingskrise beschäftigt, Nachrichten verfolgt und sind sich einig: Wer Flüchtlinge für schlechte Menschen hält, tut ihnen unrecht. Das Praktikum an der Gorch-Fock-Straße 32 habe ihn noch darin „bestätigt, dass es nicht so ist, wie manche meinen”, sagt Johannes Rübesamen. Und Marie Anderer nimmt aus ihrer Praktikumswoche mit, dass sie viele „offene und nette Menschen” kennenlernen durfte. Die gängigen Vorurteile spiegelten jedenfalls überhaupt nicht die Realität wieder, sind sich beide einig. Und auch darin, dass sie diese – in ihrer Praktikumswoche gefestigte – Überzeugung gegenüber jedem Andersdenkenden verteidigen würden.

Dabei haben beide Gymnasiasten nicht bloß Einblicke bekommen, sondern auch viel gemeinsam mit den Asylsuchenden in Sillenbuch unternommen. So waren Passfotos für die Fahrausweise der Kinder anzufertigen, die seit an der Heumadener Grundschule und an der Waldorfschule in Riedenberg Vorbereitungsunterricht bekommen. Außerdem mussten Schulsachen eingekauft werden. „Das war ganz schön teuer”, hat Johannes bei der Gelegenheit gemerkt. Und weil das Budget nicht für alles ausreichte, hat Marie noch Spenden für Schulranzen und Mäppchen aufgetrieben.

Große Gastfreundlichkeit

Zusammen mit Freudeskreismitglied Rainer Hubert haben die Praktikanten dann noch in der Unterkunft ein Regal gebaut und mit Koffern voller Kleiderspenden bestückt. Außerdem sind sie zum Kicken mit Jugendlichen auf den Spielplatz an der Rudolf-Brenner-Straße gegangen. „Und mit einem syrischen Nationalspieler”, berichtet Marie. „Der ist richtig gut”, meint die Teenagerin, die bis vor zwei Jahren selber Fußball gespielt hat, mit leuchtenden Augen. Zum Abschluss gab es dann noch eine große Fotoaktion mit den bis dahin 52 Bewohnern. Sie alle sind nun mit schicken Fotos und Vornamen auf Postern verewigt. Dabei hat ein Syrer geholfen, der Fotograf ist.

Besonders beeindruckt zeigen sich die beiden Schüler von der Gastfreundlichkeit der Asylsuchenden – die uns als Gäste behandeln, obwohl sie ja eigentlich bei uns zu Gast sind. Bei einer afghanischen Familie gab es sogar eine Einladung zum Essen. Und ein Syrer, den Johannes zu Aldi nach Ruit begleitet hat, hat sich mit Laugenbrezeln und Getränk bedankt. Sprachbarrieren seien immer zu überwinden gewesen, berichten Marie und Johannes unisono. Mit Syrern und Afghanen hätten sie sich auf Englisch gut verständigen können, auch Französisch habe geholfen. Und zur Not „mit Gesten”, meint Johannes. Marie hat beeindruckt, wie freundlich und fröhlich die Menschen in der Notunterkunft sind. Und dass sie von Anfang an mit „Guten Morgen” begrüßt wurde.

„Die haben wirklich wenig!”

Ein Problem in der Sillenbucher Unterkunft sei die fehlende Privatsphäre, sprechen die Praktikanten aber auch einen wunden Punkt an. Deshalb haben sie auch nur dann die vier Schlafsäle betreten, wenn sie dazu eingeladen wurden. Nebeneffekt: Jetzt wissen beide, wie gut es ihnen selber geht. „Wow, die haben wirklich wenig”, ist Johannes in der Praktikumswoche klar geworden. Aber welche Probleme das Leben mit bis zu 15 anderen Menschen in einem Raum ohne jegliche Abtrennung zwischen den Stockbetten mit sich bringen kann, haben Marie und Johannes in Sillenbuch am Beispiel einer streng gläubigen syrischen Familie erkannt: „Die Frau kann nicht mal beim Schlafen ihren Schleier ablegen.” Inzwischen sind Marie Anderer und Johannes Rübesamen wieder im Schulalltag angekommen: Ihre Erkenntnisse müssen bis zum 4. März in einem Praktikumsbericht zu Papier gebracht werden. Und der wird benotet „wie eine Klassenarbeit in Religion”.

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