Steinenberg-Gymnasium – Hintertürchen bleibt offen

Stuttgart-Hedelfingen … Für die weitere Schulentwicklung in den oberen Neckarvororten spielt ein Gymnasium am Steinenberg – wie es nun heißt: „derzeit” – keine Rolle mehr. Nach intensiven Vorberatungen stimmt der Bezirksbeirat Hedelfingen dem weder zu noch lehnt er dies ab. Er gab dazu am 24. Februar lediglich eine kenntnisnehmende Stellungnahme ab. Damit eröffnet sich dem Stuttgarter Gemeinderat ein Hintertürchen. Wird dessen Verwaltungsausschuss, der am 11. März die Entscheidung treffen soll, die Chance nutzen, sich und der Stadt eine Option für den Steinenberg offen zu halten?

Großer Bahnhof in Hedelfingen: Zur ersten offiziellen Ergebnispräsentation einer im Auftrag der Stadt Stuttgart durchgeführten und lange unter Verschluss gehaltenen Machbarkeitsstudie hatten sich drei Experten der Verwaltung und zwei Schulleiter im Bürgersaal des Bezirksrathauses eingefunden. Kerstin Niendorf, Leiterin des Schulverwaltungsamtes, Tanja Müller, dort als Abteilungsleiterin unter anderem für die Schulentwicklungsplanung zuständig, Gregor Gölz, im Hochbauamt für Schulbauten verantwortlich, Jürgen Sauter, Leiter des Untertürkheimer Wirtemberg-Gymnasiums, und Matthias Hagen, Rektor der Steinenbergschule Hedelfingen, standen den Beiräten des Stadtbezirks Hedelfingen Rede und Antwort. Paul Wurm, Vorstand des Fördervereins Schulcampus Hedelfingen, durfte später ein Statement abgeben.

Die Stadt bietet ein „derzeit” an – damit bleibt ein Gymnasium am Steinenberg trotz Bedenken eine Option

Gegen ein zusätzliches Gymnasium für die oberen Neckarvororte sprechen aus städtischer Sicht eine rückläufige Übertrittsquote von der Grundschule aufs Gymnasium, sinkende Geburtenzahlen, Verzögerungen bei Neubaugebieten sowie abnehmende Zuwanderung. Zudem gebe es vor allem in Bad Cannstatt freie Gymnasiumsplätze. Daher – so die Sicht der Stadt – sei ein Potenzial für ein Gymnasium am Steinenberg heute nicht mehr gegeben. Hinzu kommt, dass sich der Stadtverwaltung mit dem Erwerb des Kinobauer-Areals in Untertürkheim neue Möglichkeiten eröffnen – insbesondere für eine Erweiterung des Wirtemberg-Gymnasiums. Und: Die Finanzierung eines neuen Gymnasiumsstandorts ist derzeit nicht darstellbar.

Mögliche Varianten für einen Gymnasiumsneubau – wie sie in der städtischen Beschlussvorlage für den Gemeinderat dargestellt sind – wurden dem Hedelfinger Bezirksbeirat zwar vorgestellt, sind aber wegen der grundsätzlichen Ablehnung eines Gymnasiums jetzt nur noch von akademischem Interesse. Die Stadt setzt ab jetzt allein auf ihre Grundschule am Hedelfinger Steinenberg. Sie soll umfassend saniert und unter modernen pädagogischen Gesichtspunkten neu geordnet werden. Im zweiten Quartal dieses Jahres will man mit einer Raumkonzeptentwicklung für die Steinenbergschule beginnen. Ziel ist es, am Standort Steinenberg eine attraktive wohnortnahe Grundschule mit Entwicklungsreserven zu schaffen.

Doch das ist erst einmal nicht mehr als eine Idee. Allein der Planungsaufwand wird einige Millionen Euro erfordern, die es zur Zeit im Stadtsäckel nicht gibt. Frühestens in den nächsten Doppelhaushalt der Landeshauptstadt könnten dafür Mittel eingestellt werden. Vor 2028 wird sich also nicht einmal planerisch etwas für den Schulstandort am Steinenberg ergeben. Wieviele Jahre danach noch ins Land gehen werden, bevor die ersten Bagger anrollen, steht in den Sternen.

Der Vorschlag von Kerstin Niendorf, den Beschlussvorschlag entsprechend zu ergänzen, fiel beim Hedelfinger Bezirksbeirat auf fruchtbaren Boden. Nun heißt es zur Schulsanierung: „Die Maßnahme wird bei der Investitionspriorisierung der kommenden Haushalte entsprechend ihrer Notwendigkeiten berücksichtigt.”

Wichtiger noch war den Stadtbezirksparlamentariern und dem Vorstand des Fördervereins Schulcampus Hedelfingen ein Wort, das die Leiterin des Schulverwaltungsamtes ebenfalls in ihren Beschlussvorschlag aufzunehmen bereit war: „derzeit”. Am 11. März soll der zuständige Verwaltungsausschuss des Stuttgarter Gemeinderats also nicht mehr entscheiden, „einen gymnasialen Standort am Steinenberg aus sachlichen Gründen nicht weiter zu verfolgen”, sondern den städtischen Vorschlag „derzeit nicht weiter zu verfolgen”.

Förderverein Schulcampus Hedelfingen fordert genauere Untersuchungen und mehr Transparenz

Der Förderverein Schulcampus Hedelfingen hat die Stellungnahme des Bezirksbeirats durch ein eigenes Papier ergänzt. Darin erkennt der Verein die übergeordnete Sicht der Stadtverwaltung auf das gesamtstädtische Bildungsangebot an, hält aber seinen Blick auf eine bestmögliche Perspektive für Hedelfingen aufrecht. Die jetzt vorgelegte Kurzfassung der Ergebnisse einer im Auftrag der Stadt durchgeführten Machbarkeitsstudie werden von Vereinsseite als nicht ausreichend bezeichnet. Die politischen Gremien bräuchten eine „vollständige und überprüfbare Informationsgrundlage”, heißt es. An dieser Transparenz mangele es.

Der Förderverein äußert Bedenken gegenüber der städtischen Herleitung des nun als nicht mehr gegeben angesehenen Bedarfs an einem weiteren Gymnasium für die oberen Neckarvororte. Die Annahme der Stadt, dass statt bislang rund 60 Prozent der Viertklässler nun bloß noch 40 Prozent auf ein Gymnasium wechseln, sieht der Förderverein kritisch. Diese Erwartung basiere lediglich auf der für das aktuelle Schuljahr festzustellenden Entwicklung. Die Stadt gehe davon aus, dass die seit einer Reform des baden-württembergischen Schulgesetztes im Jahr 2025 verbindliche Grundschulempfehlung auf Dauer zu deutlich weniger Übertritten aufs Gymnasium führen werde. Dagegen sprächen aber Erfahrungen aus anderen Bundesländern.

Zudem bedürfe die auf ein einziges Schuljahr bezogene Abschätzung der Stadt einer „vertieften empirischen Untermauerung”, meint der Förderverein. Für die Oberen Neckarvororte könnte sich bei demnächst wieder höheren Übertrittsquoten und erst recht bei einer weiteren Aufsiedlung – was man im Förderverein Schulcampus Hedelfingen optimistischer sieht als die Stadt – durchaus Bedarf an einem weiteren Gymnasium abzeichnen.

Auf Kritik stoßen auch die nicht näher erläuterten Kostenannahmen. Zwar wurde der von der Stadtverwaltung für den Beschluss im Stuttgarter Gemeinderat vorgelegte Kostenrahmen von bis zu 190 Millionen Euro in der Bezirksbeiratssitzung als irreführend bezeichnet – weil er bis zu 90 Millionen Euro für eine Sanierung der Grundschule am Steinenberg beinhaltet – und entsprechend nach unten korrigiert. Doch auch so sieht der Förderverein die zum jetzigen Zeitpunkt lediglich grobe Kostenschätzung als „nicht hinreichend belastbar” an.

Einig ist sich der Hedelfinger Förderverein mit der Stadtverwaltung, dass das Kinobauer-Areal in Untertürkheim für die Entwicklung von Wirtemberg-Gymnasium und Linden-Realschule eine „gute Option” biete. Rechtlich, planerisch und zeitlich sei aber noch vieles offen. Zumal ein Teil des Kinobauer-Areals zunächst für eine Flüchtlingsunterkunft umgenutzt werden solle. Daher erachte man weitere Planungen mit Blick auf ein mögliches Gymnasium am Steinenberg „weiterhin für notwendig”, schreibt der Förderverein Schulcampus Hedelfingen.

Zwar würden derzeit deutlich weniger Kinder aus dem Stadtbezirk Hedelfingen aufs Gymnasium gehen als dies bei Nachbarbezirken der Fall sei. Doch sei der Grund hierfür nicht die geringere Leistungsfähigkeit Hedelfinger Kinder, sondern eine „Folge fehlender wohnortnaher Bildungsangebote”. Ein Gymnasium in Hedelfingen könnte also durchaus zu einem Wandel führen – erst recht bei einem Schulprofil, das sich vom sportorientierten Wirtemberg-Gymnasium unterscheidet.


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