Kita Himbeerweg in Gefahr – keine Lösung in Sicht

Stuttgart-Sillenbuch … Die Kindertagesstätte (Kita) am Himbeerweg 21 muss erweitert werden. Alles ist durchgeplant, doch der Zeitplan wackelt bedenklich. Denn: Es fehlt nach wie vor an einer Übergangslösung für 18 Monate Bauzeit. Ein Hilferuf im Bezirksbeirat Sillenbuch machte die Notlage öffentlich. Drei Wochen sind seitdem vergangen. Ein Fortschritt ist nicht zu verzeichnen. Die Gefahr, dass die Kita schließen muss und hundert Betreuungsplätze verloren gehen, wächst deshalb von Tag zu Tag. Damit ist das ein Thema von großem öffentlichen Interesse. Was tut die Stadt?

Das Problem: Den Kindergarten-Verantwortlichen läuft die Zeit davon. Denn wenn nicht spätestens im Jahr 2025 mit dem Bau am Himbeerweg 21 begonnen wird und wenn die Betreuung aller Kindergartenkinder während der Bauzeit nicht zu gewährleisten ist, dann verfällt der vom Stuttgarter Gemeinderat bewilligte Baukostenzuschuss von 5,325 Millionen Euro. Es droht ein Dominoeffekt: Ohne Ausweichquartier für die Bauzeit kein Baubeginn. Ohne Baubeginn kein Bau. Ohne Bau keine Kindergarten-Zukunft. Also tickt die Uhr!

Container in Plieningen sind keine Alternative

Beim Waldorfkindergarten hat man eineinhalb Jahre lang ein Ausweichquartier gesucht – ohne Erfolg. Und alle Vorschläge für Alternativen wurden von der Stadt abgelehnt. Gibt es noch einen Ausweg?

Inzwischen wurde dem Kindertragenträger ein Containerstandort in Plieiningen angeboten, der jedoch nach genauer Prüfung als ungeeignet angesehen wird. An der Scharnhauser Straße 19 betreibt die Stadt Stuttgart zur Zeit ein Interim für ihre Kita Körschstraße. Dort wird ein Neubau errichtet. In der Übergangszeit werden die Plieninger Kindergartenkinder in einem aus 22 Containern bestehenden Ensemble betreut (siehe Foto oben).

Am vergangenen Donnerstag (27.6.2024) konnten Vertreter des Waldorfkindergartens Himbeerweg das Plieninger Interim besichtigen. Das Ergebnis war ernüchternd, wie Verena Diete gegenüber WILIH bekundet. Die Leiterin der Sillenbucher Kita sieht keine Chance, im jetzigen Container-Interim hundert Kinder unterzubringen. An der Scharnhauser Straße 19 würden lediglich 40 Kinder betreut, berichtet Diete. Es gebe keine Schlafräume und keine Möglichkeit zum Mittagessen. Das konfligiert mit dem Betreuungskonzept des Waldorfkindergartens. Um alle Sillenbucher Kinder unterzubringen, wären 37 Container notwendig, zitiert Verena Diete Berechnungen ihrer Architekten. Das ginge aber zu Lasten des kleinen Außenbereichs, so dass benachbarte Gärten hinzugepachtet werden müssten. Zudem sei die Entfernung zwischen Sillenbuch und Plieningen und damit die Bring- und Abholsituation „schwer darstellbar”. Fazit: Plieningen ist keine Lösung!

Die Hoffnung lebt weiter – noch

Eine Aufteilung der Kinderschar in mehrere Gruppen kommt für die Sillenbucher aber auch nicht in Betracht. „Wir gehen davon aus, dass wir einen signifikanten Anteil der heutigen Kinder und Mitarbeiter verlieren würden”, gibt Marco Grünke zu bedenken. Er ist Vorstandsmitglied im Verein zur Förderung der Waldorfpädagogik in Sillenbuch, der den Kindergarten am Himbeerweg 21 trägt. Grünke, der das Erweiterungsvorhaben in der öffentlichen Sitzung des Sillenbucher Bezirksbeirats vorstellte, erläutert zum Hintergrund: „Unser Kindergarten lebt im Wesentlichen von den Familien, den Kindern und den langjährigen Mitarbeitern. Ein Interim an dem Ort in Plieningen, welcher so weit entfernt von dem eigentlichen Standort des Kindergartens liegt, ist sicherlich schwer zu vermitteln.”

Noch wollen Marco Grünke und seine Mitstreiter die Flinte aber nicht ins Korn werfen. „Unser primärer Fokus liegt weiterhin auf einer Lösung im Stadtbezirk Sillenbuch, die von der Größe und den sonstigen Rahmenbedingungen zu unseren Bedürfnissen passt und den Kindergarten nicht in zwei bis drei Einzelstandorte aufteilt oder zu weit entfernt liegt”, sagt Grünke.

Das Thema könnte der Stadt vor die Füße fallen

Kita-Leiterin Verena Diete winkt dennoch schon mal mit dem Zaunpfahl: „Wir sind in der Bedarfsplanung der Stadt Stuttgart für die Betreuung von bis zu 100 Sillenbucher Kindern eingeplant.” Soll heißen: Muss der Kindergarten am Himbeerweg geschlossen werden, weil sich die für die Zukunft dringend notwendige Erweiterung nicht realisieren lässt, müsste die Stadt Stuttgart sehen, wie sie künftig hundert Kindergartenkinder betreut. Das Thema könnte der Stadt also schon sehr bald vor die Füße fallen. Und was dann?

Deswegen verstehen Kita-Leitung und Vereinsvorstand auch nicht, warum sich die Stadt bisher bei der Suche nach einem Interim in Sillenbuch – wie es in der Bezirksbeiratssitzung hieß – wenig kreativ gezeigt hat. Was noch höflich formuliert ist angesichts der knappen und schwach begründeten Ablehnungen (WILIH berichtete hier): kein Wasseranschluss am Höhenringweg, vorrangiger Bedarf an der „Bernsteinweise” oder Behinderung der Aussicht an der Kernenblickstraße.

Warum eigentlich nicht die Gorch-Fock-Straße 32?

Und dann wäre da noch das städtische Grundstück an der Gorch-Fock-Straße 32 in Sillenbuch („GF 32”). Es war ebenfalls von den Verantwortlichen des Kindergartens Himbeerweg als Standort für Interimscontainer ins Gespräch gebracht worden. Jetzt wird es in erster Präferenz für einen Interimsstandort genannt. Doch die Stadt lehnt es bisher ab. Auf eine umfangreiche Anfrage von WILIH teilte die Stadt bisher lediglich mit, was längst bekannt ist, „dass es für das Grundstück Gorch-Fock-Straße 32 in der Vergangenheit einen Antrag auf den Bau einer Kita gab, der am Thema Waldumwandlung und Waldabstand gescheitert ist”.

Gorch-Fock-Straße 32 am 13.6.2024
Das städtische Grundstück an der Gorch-Fock-Straße 32 verwildert

In der Tat liegt seit vielen Jahren die Idee in der Schublade, weil das Risiko umstürzender Bäume angeblich zu hoch ist. Bei der Unterbringung von Flüchtlingen in den Jahren 2015 und 2016 spielte das aber keine Rolle. Für bis zu 64 Menschen – plus Betreuer und Flüchtlingshelfer – stellte die Stadt Stuttgart seinerzeit die ehemaligen Schulgebäude – die ursprünglich vom Heidehof-Gymnasium und später von der Freien Aktiven Schule sowie der Waldorfschule Silberwald genutzt worden waren – zur Verfügung. Eigentlich hatte sie sogar bis zu 80 Flüchtlinge dort unterbringen wollen. Zusätzlich ließ die Stadt auf dem Gelände auch noch Versorgungscontainer aus Holz aufstellen und genehmigte dem damaligen Flüchtlingsfreundeskreis die Aufstellung weiterer Container für Aufenthaltsräume und Hausaufgabenbetreuung der Flüchtlinge.

Auch nach dem Umzug der Flüchtlinge in zwischenzeitlich gebaute neue Unterkünfte in Untertürkheim wurde das Areal von der Stadt weiter genutzt. Erst etablierte sich dort eine von Ehrenamtlichen initiierte Integrationshilfe, die später im Ausbildungscampus Stuttgart aufging, danach diente die „GF 32” der Stadt Stuttgart noch als Winternotquartier für Wohnsitzlose. Erst 2022 erfolgte der Abbruch der maroden Schulgebäude und der Abbau der Container (WILIH berichtet hier). Seitdem liegt das Grundstück brach und verwildert zusehends (siehe Foto im Text).

Wie groß ist die Baumwurfgefahr eigentlich?

Aktuell stellt sich die Frage, ob eine angebliche Baumwurfgefahr einem Kita-Interim für 18 Monate tatsächlich entgegenstehen müsste. Vorstandsmitglieder des Trägervereins haben nach der Sillenbucher Bezirksbeiratssitzung gegenüber WILIH signalisiert, zu Zugeständnissen bereit zu sein. So könnte beispielsweise vereinbart werden, dass im Falle von lokal relevanten Sturmwarnungen des Deutschen Wetterdienstes oder in anderen Wettervorhersagen die Kita an betroffenen Tagen geschlossen bleibt, um kein Risiko einzugehen. Bestimmt wären die Eltern bereit, in solch seltenen Gefahrenlagen einen Tag die Betreuung ihrer Kinder selber sicherzustellen – schon im eigenen Interesse.

Hat sich seitens der Landeshauptstadt überhaupt jemand in jüngster Zeit die fraglichen Bäume vor Ort angeschaut? Wie hoch sind sie? Wie groß ist die Gefahr des Ast- oder Stammbruchs bei Sturm? Liegt das Grundstück nicht im Windschatten? Würden im Zweifel nur die Baumkronen auf Container treffen können, oder auch dicke Stämme? Ließe sich das Risiko vielleicht durch Einkürzen von Kronen reduzieren? Sind kranke Bäume dabei? Wenn ja, wieviele? Oder wurde der Vorschlag des Waldorfkindergartens aus der Aktenlage heraus abgelehnt?

Hundert Kita-Plätze mehr auf der Bernsteinwiese?

Was könnte die Konsequenz sein, wenn der Kindergarten am Himbeerweg seine Tore für immer schließen müsste? Würde die Stadt dann ihr Vorhaben an der Bernsteinwiese in Heumaden erweitern (müssen)? Und dies gleich um hundert Betreuungsplätze, die dann fehlen würden? Da seitens der Gegner einer Bebauung der Bernsteinwiese schon gegen die bisherigen Baupläne der Stadt opponiert wird, wäre wohl mit Einsprüchen zu rechnen. Ein Kindergartenbau auf der Bernsteinwiese dürfte dann in weite Ferne rücken. Und was das für die Kosten bedeuten könnte, mag man sich gar nicht ausmalen.


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