Blick vom Steilhang auf Europa

Stuttgart-Rohracker … Welchen Weinbau wollen wir uns leisten? Wollen – oder können? Welchen Preis ist dem Verbraucher eine gute Flasche Wein denn wert? Und wieviel Aufwand mag ein Wengerter betreiben, damit sein Wein ein guter wird? Um diese Fragen kreiste eine Diskussion über europäische Weinbaupolitik in der Rohracker Kelter.

„Steil, aber oho“ lautet der Slogan der Weingärtnergenossenschaft Rohracker, in deren Kelter am 21. März eine Vortrags- und Diskussionsveranstaltung über europäische Weinbaupolitik und ihre Auswirkungen in Stuttgart stattfand. Das Motto der örtlichen Wengerter gibt wieder, unter welchen Bedingungen in Rohracker Wein angebaut und gelesen wird: an Steilhängen. 30 Idealisten bewirtschaften im Nebenerwerb insgesamt fünf Hektar in Steillagen zwischen Rohracker und Frauenkopf. Das ist für sie schon Herausforderung genug. Jedwede Unterstützung ist daher willkommen. Kann Europa einen Beitrag leisten, um dem Weinbau vor Ort zum Erfolg zu verhelfen?

Europa vor Ort erleben

Die Diskussion über europäische Weinbaupolitik in Rohracker war der Auftakt zu der neuen Reihe „Europa vor Ort“. Mit zwei bis drei Veranstaltungen im Jahr möchte das Stuttgarter Europe Direct Informationszentrum „Europa“ in die äußeren Stadtbezirke der Landeshauptstadt bringen. Mit Themen, die in den Stadtbezirken von Bedeutung sind und mit denen das Zusammenspiel mit Europa erlebbar wird. Das Interesse war groß, die Kelter voll besetzt. Rund hundert Bürger verfolgten eine interessante Podiumsdiskussion – kompetent und unterhaltsam moderiert von Holger Gayer (Stuttgarter Zeitung/Nachrich­ten).

Einführend gab Jens Schaps einen Überblick über die Entwicklung des europäischen Weinmarktes. Der Direktor für gemeinsame Marktorganisation für landwirtschaftliche Erzeugnisse bei der Europäischen Kommission in Brüssel zeichnete den Weg seit der Weinreform 2008 nach. Überkapazitäten von Weinen geringerer Qualität, Wettbewerbsdruck und Vermarktungsprobleme charakterisierten die Situation vor zehn Jahren. Insbesondere mit Hilfe nationaler Stützungsprogramme, einer Neustrukturierung von Rebflächen sowie konsequenterer Absatzförderung habe sich die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Weinerzeuger deutlich verbessern lassen. Europa sei mit 61 Prozent Marktanteil der hauptsächliche Weinproduzent auf der Welt. Für wesentliche Änderungen in der EU-Weinbaupolitik sieht Schaps derzeit keinen Anlass.

„Unsere Landschaft lebt“

Ein Plädoyer für deutsche, insbesondere baden-württembergische Weine hielt Peter Hauk. Der Landesminister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz empfahl den Wengertern allerdings bessere Werbung und sprach sich für qualitätsorientierte Preispolitik aus: „Wer für zwei Euro verkauft, ist selber schuld”. Was kann denn getan werden, um das Kulturgut Wein zu fördern? Mehr Aufklärung, forderte Timo Saier. Der Leiter des städtischen Weinguts verlangte nach mehr Freiheit bei Prüfung und Bezeichnung der Weine. Es müsse zulässig sein, die erzeugte Vielfalt auch zu zeigen. Markus Wegst, selbst Nebenerwerbswengerter in Rohracker, schöpft seine Motivation aus dem Erhalt des Kulturguts. Die „riesige Herausforderung” am Steilhang biete „Kicks”, meinte der Aufsichtsratsvorsitzende der örtlichen Weingärtnergenossenschaft: „Unsere Landschaft lebt”.

Eine Geschichte wie aus einer anderen Welt? Für Gilles Theilmann, Vorsitzender der Winzergenossenschaft Cleebourg (Elsass), stellt ein Preis von acht bis zehn Euro pro Flasche eine Preisschwelle dar. Vieles sei Marketingsache, und da habe seine Branche noch Nachholbedarf. Ein „Paket“ aus Kulturerbe, Landschaft und Wein sieht Jens Schaps als Erfolgsfaktor. Eine „Geschichte”, die Erzeuger erzählen könnten, sei durchaus in der Lage, Preisvorteile aus dem Supermarkt aus dem Felde zu schlagen. Marktchancen sieht Timo Saier vor allem für trockene Weine und Wein zum Essen. Doch das erforfert Änderungen im Verbraucherverhalten. In Frankreich sei jetzt wenigstens wieder in Zeitschriften Werbung für Wein erlaubt, freute sich Gilles Theilmann. Ein Werbeverbot in einem Weinland wie Frankreich sei doch „Unsinn”.

Mit „PIWIs“ in die Zukunft?

Seit diesem Jahr seien Fördermittel von bis zu 3.000 Euro pro Hektar und Jahr zu bekommen, warb Peter Hauk für schwieriger zu bewirtschaftende Rebflächen wie Steillagen. Er hofft auf ein „Umdenken in den Köpfen”. Aber ist das dafür nicht zu wenig, ein Tropfen auf den heißen Stein? Auf lange Sicht müsse sich Weinbau eben rechnen, warnte Timo Saier. Idealismus allein trage die Branche auf Dauer nicht. Bei Terrassenlagen sei mit doppelten bis dreifachen Kosten zu kalkulieren, die Preischancen am Markt entsprächen dem aber nicht. Markus Wegst sprach sich für marktgerechte Umstrukturierung aus. Die Wengerter müsten sich auch an die eigene Nase fassen: „Wir werden auch in Jahren an einer Flasche Trollinger keine 20 Euro verdienen.” Aber: Mal einen Weg zu bauen, damit Weingärtner ihre Weinberge nicht bloß zu Fuß erreichen könnten – auch darüber sollte bei zuständigen Stellen nachgedacht werden.

Sind die Fördermaßnahmen lebensfremd? Geld werde immer abgenommen, meinte Minister Hauk. Umstellungen von Rebsorten – vor allem auf pilzwiderstandsfähige („PIWI“) – seien besonders förderungswürdig. Damit war ein Fass beinahe für einen zweiten Diskussionsabend aufgemacht. Sind doch die „PIWIs“ das Thema, wenn es um die Zukunft des Weinbaus geht. Darunter befinden sich Rebsorten mit bekannteren Namen wie Cabernet, Merlot oder Sauvignon, aber auch Allegro, Buffalo, Orion oder Phoenix sind wohlklingende Sortenbezeichnungen. Weiterhin finden sich auf der Liste der „PIWIs“ beliebte Vornamen wie Bianca, Clara oder – ja, wirklich – Angela. Aber ganz wird sich der an Riesling, Müller-Thurgau, Lemberger oder Trollinger gewöhnte Normalverbraucher noch nicht so bald umgewöhnen müssen…

Das obige Foto zeigt die Expertenrunde in der Kelter (von links): Timo Saier, Gilles Theilmann, Stefanie Woithe-Wehle (Europe Direct Stuttgart), Edgar Veith (WG Rohracker), Peter Hauk, Jens Schaps, Holger Gayer und Markus Wegst.

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