Die Glocken der Alten Kirche Hedelfingen – Teil 2
Lebendige Ortsgeschichte (Folge 40). Historisches aus und über Hedelfingen – unterhaltsam erklärt von Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer … Über Hedelfingen und Rohracker gibt es viel zu erzählen. Besonders gut und gerne tun dies der ehemalige Hedelfinger Bezirksvorsteher Hans-Peter Seiler und Hedelfingens Ortshistoriker Michael Wießmeyer. Seit Jahren begeistern die beiden Hedelfingen-Fans bei Vorträgen und Führungen ein stetig wachsendes Publikum mit ihren Geschichten über die Geschichte des vor gut hundert Jahren von Stuttgart eingemeindeten Neckarvororts. WILIH veröffentlicht hier eine Serie mit vielen interessanten Blicken auf die Historie Hedelfingens. In loser Folge wollen die Geschichten-über-Geschichte-Erzähler Seiler und Wießmeyer an dieser Stelle Lust auf Hedelfingen machen.

Thema dieser Folge: Die Glocken der Alten Kirche Hedelfingen (Teil 2) – Wackelnder Kirchturm, Glocken und ein weggeworfener Kirchentürschlüssel
Im ersten Teil unserer Erzählungen über die Glocken in der Alten Kirche haben Sie immer wieder über die zu reparierenden und neu zu gießenden Glocken im Lauf der Jahrhunderte gelesen. Und wie es manchmal so kommt, kaum war wieder einmal eine Glocke ersetzt, wankte der Kirchturm beim Zusammenläuten aller drei Glocken. Ein paar Jahre nahm man es nicht so ernst, aber die Gefahr wurde größer und es war unabänderlich: Der Turm musste repariert werden. Mesner Goldschmid hatte wiederholt auf das starke Schwanken des Turmes hingewiesen. 1907 fasste sich Pfarrer Reischle ein Herz und beschloss mit dem Kirchengemeinderat die Reparatur des Turmes.
Mit der Reparatur des Kirchdaches und des Turmes wurde der Esslinger Schieferdecker Haaß beauftragt. Der hoch oben auf der Turmspitze befindliche Turmknopf und der Wetterhahn mussten zu Boden gebracht werden. Der Wetterhahn wurde durch Malermeister Löffler vergoldet. Der Turmknopf musste komplett erneuert werden. Der alte war beim Umdecken des Turmes 1878 durch den hiesigen Flaschnermeister Oskar Berger nur aus Weißblech für 9 Mark gefertigt worden. 1907 war der Turmknopf vollständig verrostet, und die Spatzen nisteten in den Fragmenten. Theodor Wilhelm Kachel hatte als Vikar 1878 eine Urkunde von Pfarrer Rooschüz hineingelegt, die 29 Jahre später vollständig verschwunden war.
Der neue Turmknopf wurde vom Turmflaschner in Esslingen aus starkem Zinkblech gearbeitet und dann verkupfert. 1907 wurde in den Turmknopf eine Urkunde mit dem Wortlaut hinterlegt: „Ehre sei Gott in der Höhe“. Nach den Arbeiten haben Oberamtsbaumeister Münzenmayer aus Cannstatt und der Hedelfinger Zimmermann Barth den Turm auf seine Festigkeit überprüft und als ungefährdet befunden. Weitere Reparaturen fanden nicht statt. Folgender Text findet sich in den Unterlagen:
Möge der Turm noch weiterhin in guter Sicherheit seinen Zwecken dienen, bis er auch eine Erneuerung erfährt, wie denn – in unserer, seit 1857 von 1291 auf 2747 Ortsbewohner herangewachsenen Gemeinde mit 616 Haushaltungen und mit ihren in 6 Klassen unterrichteten 431 Schülern – eine Erweiterung unseres Gotteshauses dringend Not tut, jedoch wegen Mangels an Mitteln noch nicht ausgeführt werden kann.
Im Jahre des Heils 1907, im 3. Friedensjahr
Der Kirchengemeinderat, Pfarrer Reischle
Die Glocken hatten bis 1914 ein beschauliches und ruhiges Leben. Durch den 1. Weltkrieg begann die Begehrlichkeit in ganz Deutschland auf die Glocken der Kirchtürme. Die Rohstoffe wurden immer knapper, und man benötigte dringend Metalle für Kriegszwecke.
Am 1. März 1917 veröffentlichte der Staatsanzeiger von Württemberg die Bekanntmachung des Kaiserlichen Kriegsministeriums, dass alle Glocken aus Bronze beschlagnahmt wären. Sie sollten zu Kriegszwecken eingeschmolzen werden. Die Glocken wurden in drei Gruppen eingeteilt. Die Gruppe A konnte problemlos abgenommen werden, weil sie keinen historischen oder Kunstwert besaßen. Gruppe B konnte zurückgestellt werden, da Sie nur einen mäßigen Wert hatten oder als Läuteglocken gebraucht wurden. Gruppe C waren Glocken von hohem historischen oder Kunstwert und wurden freigestellt.
Die Sachverständigen, die Hedelfingen heimsuchten, hatten alle unsere Glocken in die Gruppe A eingeteilt. Also abnehmen und zu Kanonen verarbeiten! Pfarrer Paul Benjamin Veil war mit diesem Erlass überhaupt nicht zufrieden. Seit 1910 war Pfarrer Veil in unserer Gemeinde tätig. Als er aus Söhnstetten (Schwäbische Alb) kam, war Veil sehr angetan von der schönen Lage Hedelfingens und den sehr guten Schulverhältnissen. Mit der aufmüpfigen Vorstadtjugend hatte er so seine Probleme. Allerdings hatte er mit der Erstellung des evangelischen Vereinshauses des CVJM an der Gärtnerstraße die Gelegenheit genutzt, die aufmüpfige Jugend einzufangen.
Aber er war zäh und kämpfte für die Hedelfinger Glocken. Gegen besseres Wissen schrieb er im Kirchenblatt: Über unsere Kirchenglocken ist noch keine Entscheidung getroffen. Besonderen Kunstwert haben sie nicht… aber die Abnahme der zwei größeren Glocken wäre schwierig. Er konnte die Prüfungskommission überzeugen, dass die Abnahme- und Einbaukosten einfach zu hoch wären. Ein Hin und Her – Pfarrer Veil gab nicht nach.
Der Kommunalverband Cannstatt berücksichtigte das Gutachten des hiesigen Werkmeisters Koch und traf die Entscheidung, dass vorerst nur die kleinste Glocke zur Ablieferung ab 20. Juni 1917 bereit zu halten sei. Am 17. Juni 1917 verabschiedete sich die Gemeinde von ihrer kleinsten Glocke; sie diente auch als „Vater-unser-Glocke“. Sie wurde 1904 als Ersatz der Knittel-Glocke gegossen.
Am 18. Juni wurde sie zusammen mit 35 Orgelprospektpfeifen zu Kriegszwecken abgenommen und zur Sammelstelle nach Fellbach gebracht. Aus einem Foto der abzugebenden Glocke wurden 100 Postkarten erstellt (sind in unserem Archiv). Sie wurden für 20 Pfennig je Stück verkauft. Für die abgelieferte Glocke erhielt die Gemeinde 648 Mark. Das Geld wurde bei der Oberamtsparkasse mit 3 1/2 % unter „Glockenfonds“ angelegt.
Im Kirchenblatt der Gemeinde erschien folgender Vierzeiler, der prophetisch erscheint:
„Alles, was tragen kann eiserne Wehr,
zog freudig hinaus zu Deutschlands Ehr,
da wollten die Glocken auch droben im Turm
zurück nicht bleiben beim letzten Sturm.“
Die Beschlagnahme der mittleren Glocke drohte, weshalb Pfarrer Veil am 24. Juni 1918 schrieb: Die unter dem 11. Mai angegebenen Verhältnisse bestehen noch fort. Die hohen Einbaukosten werden sich… erhöhen. Auch das Schlagwerk der Uhr ist seit Abnahme der kleinen Glocke auf die beiden übrigen Glocken eingerichtet worden. Veil ließ nicht locker: Ein Abhängen durch Schwerstverfahren wäre nicht möglich, weil der Turm nicht massiv ist. Das Zerschlagen der Glocken müssten somit sachverständige Leute vornehmen. Die Einwände von Pfarrer Veil wurden eingesehen bzw. das nahe Kriegsende war abzusehen. Ein unnachgiebiger Pfarrer mit endlosen Einwänden hatte trotz der Vaterlandskeule immerhin zwei der drei Glocken für Hedelfingen erhalten.
Pfarrer Veil suchte nach dem Krieg dringend einen Ersatz für die kleine Glocke. Er wurde auch fündig. Am 1. März 1922 teilte er dem Kirchengemeinderat mit, dass Biberach im Landkreis Heilbronn eine Bronzeglocke zum Verkauf ausgeschrieben hat: Gewicht 160 kg, Durchmesser 0,65, Ton d, Inschriften: „Ich rufe nah und fern zum Lob des Herrn”, „Per. Klein Schulth. Neureuther Scheerer“, „Gegossen von Heinrich Kurtz in Stuttgart 1837“.

Für 12.000 Mark wurde die Biberacher Glocke gekauft. 8.000 Mark bewilligte die Landeskirche, der Rest erfolgte über Rücklagen, den Erlös der abgegebenen Glocke und durch Spenden. Erstaunlich, wie die Gemeinde zusammenhielt und diese große Summe stemmte. Ende August kam die Glocke mit der Bahn von Wimpfen nach Stuttgart. Die Glockengießerei Kurtz musste die Glocke auf den Ton d etwas höher nachstimmen, damit sie zu den vorhandenen Glocken passte. Ende September wurde die Glocke aufgehängt.
Die Gemeinde veranstaltete anlässlich der neuen Glocke ein Kirchenkonzert im Saal des Gasthauses Waldhorn, bei dem mehrere Solisten, der Chor des Liederkranzes, der Kirchenchor und der Posaunenchor mitwirkten. Der Waldhornsaal war der größte Saal in der Gemeinde und fasste 500 Personen.
Acht Jahre klangen die drei Glocken der Alten Kirche gemeinsam und einträchtig, dann begann das endgültige Aus.
Endlich wurde der über 160 Jahre andauernde Traum vieler Pfarrer wahr. Hedelfingen bekam 1930 eine neue Kirche. Die Glockengeschichte der Neuen Kirche (Kreuzkirche) ist ein anderes Kapitel. Mit dem vierstimmigen Geläut war es das schönste Geläut ringsherum (auch heute noch). Damit ließen sich die drei Glocken der Alten Kirche nicht vergleichen.
Nach dem Umzug in die Neue Kirche/Kreuzkirche wurde der Schlüssel der Alten Kirche (symbolisch) weggeworfen. Orgel und Glocken wurden sang- und klanglos verkauft bzw. die Glocken bei Kurtz in Zahlung gegeben. Das passte auch zu dem forschen, sehr selbstbewussten und nach vorne gerichteten Pfarrer Dr. Immanuel Schairer.
Die Übergabe des Glockengeläuts begann in der Nacht. Die drei Glocken der Alten Kirche begannen kurz vor Mitternacht zu läuten, und die vier Glocken der Neuen Kirche/Kreuzkirche erwiderten kurz nach Mitternacht. Einen kurzen Moment war die ganze Nacht voll von Glockengeläut. Sicherlich eine Stunde, in der alle wach waren.
Alle drei Glocken der Alten Kirche wurden dem Neubau der Kreuzkirche geopfert. Sie wurden abgehängt und für die vier Glocken der „Neuen Kirche“ bei Kurtz in Zahlung gegeben. Als Randnotiz: Jetzt war es doch kein technisches Problem, die Glocken abzunehmen. Pfarrer Veil war halt ein „Käpsele“.
2016 bekam die Alte Kirche eine neue – die heutige – Glocke
Die Alte Kirche wurde überhaupt nicht mehr genutzt. Keine Veranstaltung fand mehr in der Alten Kirche statt. Erst am 3. März 1944 in der schweren Bombennacht, bei der auch die Alte Kirche betroffen war, hat man sich wieder daran erinnert, dass die Kirche auch noch der Kirchengemeinde gehört. Nach Restaurierungen der gefundenen Wandbilder und Instandhaltungsmaßnahmen wurde die Kirche wieder geöffnet und war dann sogar eine Weile die Hafenkirche.

2016, nach 86 Jahren glockenloser Zeit, sollte die Alte Kirche wieder eine Glocke bekommen. Der rührige Förderverein Alte Kirche und Kreuzkirche schlug der Kirchengemeinde vor, in der Alten Kirche wieder eine Glocke zu installieren. Der Kirchengemeinderat hielt das für überflüssig. Zugestimmt hat der Kirchengemeinderat erst, als der Verein zusicherte, sämtliche Kosten dafür zu übernehmen.
Der Förderverein gab den Auftrag zum Guss einer neuen Glocke an die Glockengießerei Bachert in Karlsruhe.
Am 6. Mai 2016 wurde die Glocke neu gegossen. Eine Abordnung aus Hedelfingen durfte diesem faszinierenden Schauspiel beiwohnen. In einem feierlichen Begrüßungsgottesdienst nahm Pfarrer Kautter das Glockengeschenk dankend an. Dekan Eckardt Schulz-Berg freute sich besonders, dass es eine kostenlose Glocke für die Kirche ist und sagte, dass eine Kirche ohne Glocke, nur eine halbe Kirche ist. Mit einem großen Autokran schwebte die Glocke an ihren neuen Platz.
Die Daten der neuen Glocke: Gewicht 349 kg, Durchmesser 78 cm, Tonhöhe cis, abgestimmt auf die vier Glocken der Kreuzkirche: Inschrift Vorderseite: NEHMET EINANDER AN, WIE CHRISTUS EUCH ANGENOMMEN HAT und Relief des Heiligen Leonard mit Mönchskutte und Abtstab. Rückseite: FÖRDERVEREIN ALTE KIRCHE 2016.
Besonderen Dank richten die Autoren Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer an Dr. Blessing und Norbert Jung.
Quellen: Archiv Altes Haus, eigene Erhebungen.
Im Teil 3 unserer Glockengeschichten werden wir die Kreuzkirche, die Bernhardskirche in Rohracker und die Frauenkopfkirche behandeln.
WILIH dankt Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer für diese Geschichte. Die historischen Fotos und Dokumente stammen aus dem Fundus des Alten Hauses Hedelfingen.
WILIH regelmäßig lesen und nichts mehr verpassen: Den wöchentlichen WILIH-Newsletter kostenlos abonnieren und immer kompakt informiert sein! Einfach hier klicken und gleich anmelden, dann bekommen Sie einmal in der Woche die Themen der Woche frei Haus! Abbestellung jederzeit möglich!




