Schulnöte – Hedelfingen stiefmütterlich behandelt

Lebendige Ortsgeschichte (Folge 39). Historisches aus und über Hedelfingen – unterhaltsam erklärt von Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer … Über Hedelfingen und Rohracker gibt es viel zu erzählen. Besonders gut und gerne tun dies der ehemalige Hedelfinger Bezirksvorsteher Hans-Peter Seiler und Hedelfingens Ortshistoriker Michael Wießmeyer. Seit Jahren begeistern die beiden Hedelfingen-Fans bei Vorträgen und Führungen ein stetig wachsendes Publikum mit ihren Geschichten über die Geschichte des vor gut hundert Jahren von Stuttgart eingemeindeten Neckarvororts. WILIH veröffentlicht hier eine Serie mit vielen interessanten Blicken auf die Historie Hedelfingens. In loser Folge wollen die Geschichten-über-Geschichte-Erzähler Seiler und Wießmeyer an dieser Stelle Lust auf Hedelfingen machen.

Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer beim Stöbern in historischen Fotos
Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer beim Stöbern in historischen Dokumenten

Thema dieser Folge: Schulnöte 2025 – Stadt Stuttgart behandelt die eingemeindeten Hedelfinger stiefmütterlich

Die Diskussion um die Steinenbergschule mit dem Wunsch nach einem Gymnasium hat uns bewogen, den Umgang der Schulbehörden mit den Hedelfinger Belangen einmal ortsgeschichtlich zu beleuchten. Wir werden im Jahr 1925 fündig. 

In der Württemberger Zeitung wird am 12. August 1925 beschrieben: „Die Erörterungen, die über unsere Schulnöte stattfanden, haben hier nicht befriedigt. Die gesamte Bevölkerung ist darin, trotz aller sonstigen Verschiedenheit einverstanden, daß sie von der Stadtverwaltung in mehr als stiefmütterlicher Weise behandelt wird. …

Dringende Not herrscht aber seit einem Jahrzehnt bezüglich der unserem sich rasch vergrößernden Ort zur Verfügung stehenden Schulräume. In Hedelfingen sind augenblicklich zwölf Schulklassen vorhanden, für die im Orte selbst nur sieben Schulzimmer zur Verfügung stehen. Vier Knabenklassen, nämlich die Klassen 5, 6, 7 und 8, müssen die Wilhelmsschule in dem wohl 35 Minuten entfernten Wangen besuchen. Bekanntlich ist aber die große Heerstraße von Hedelfingen nach Wangen wie wohl kaum eine andere im Lande von Kraftwagen äußerst stark befahren, so daß … die Kinder in ihrer Gesundheit schwer geschädigt werden. Es ist eigentlich ganz unfaßlich, daß ein solcher Zustand auf die Dauer geduldet wurde, daß die Oberschulbehörde sich nicht längst ins Mittel legte, um der Stadtverwaltung zu erklären, daß sie mit dem Bau eines neuen Schulhauses ungesäumt zu beginnen habe. Daß die staatliche Behörde in dieser Hinsicht einfach versagte und noch versagt, das wird hier nicht verstanden.

Die Stadt habe zur Bewältigung einer derartigen Aufgabe, wie dem Bau eines großen Schulhauses in Hedelfingen, kein Geld, so konnten wir es in der letzten Rathaussitzung von berufenem Munde hören. Niemand schenkt hier diesem Ausspruch Glauben. Warum, so fragen wir, ist an Stelle der nun eingestürzten großen Versammlungshalle in der Villastraße nicht das dringend notwendige Schulhaus in Hedelfingen erstellt worden?

Glaubt man mit der Einrichtung von zwei neuen Schulräumen im Hedelfinger Schulhause, wie sie jetzt auf das Drängen der Bevölkerung endlich erfolgen soll, der schweren Not abgeholfen zu haben? Sind nicht, wenn unsere Bedürfnisse befriedigt werden sollen, mindestens sechs bis acht neue Schulräume erforderlich, deren Erstellung weit dringlicher ist als der Wiederaufbau der großen Versammlungshalle in der Villastraße? Warum, so fragen wir, ist an Stelle des Geldes, die die Riesenhalle kostet, nicht der Bau eines neuen Schulhauses für Hedelfingen im Haushalt der Stadt gestanden? Ohne die Halle wäre es wohl doch nicht „zu den bekannten Schwierigkeiten“ gekommen, von der der Finanzberichterstatter der Stadtgemeinde in seiner letzten, so überaus düsteren Rede sprach, in der er Hedelfingen auf Grund finanzieller Bedenken nicht einmal die zwei Schulsäle zugestehen wollte? Sind ihm dabei auch die vier Schulklassen von Hedelfingen vor Augen gewesen, die 150 Knaben, die, ob sie kräftig sind oder schwach und elend, jahraus, jahrein im erstickenden Straßenstaub und Automobildunst den Weg nach Wangen und zurück machen müssen? Sie werden von einer Stadtgemeinde, die auf wohltätigem und gesundheitlichem Gebiet etwas leisten will, zu diesen Gängen gezwungen.

Und die Oberschulbehörde? Will auch sie die Aufwendung von Mitteln vermeiden, „die außerhalb des Haushaltungsplanes stehen“, und will der Herr Finanzberichterstatter der Stadt Stuttgart die armen Knaben ihren Weg im Straßenstaub und Automobildunst ruhig weiter trotten lassen? Der Herr Finanzberichterstatter hat aber der Oberschulbehörde den Weg gewiesen, den sie beschreiten muß, um der Not der Hedelfinger Knaben für immer ein Ende zu machen. Wie er nämlich laut Sitzungsbericht mitteilt, ist „die notwendige Zustimmung der Regierungsstellen, der beiden Ministerien des Innern und der Finanzen für den Staatshaushaltplan Antrag noch nicht gegeben worden. Hoffentlich wird sie nie gegeben! Die Oberschulbehörde muß im Interesse der Knaben von Hedelfingen gegen die Genehmigung dieses Haushalts Einspruch erheben und beantragen, daß die Millionen für die zu bauende Stadthalle solange ausgesetzt werden, solange nicht das von der Stadt zugesagte, dringend notwendige neue Schulgebäude in Hedelfingen erstellt ist.“

Der fertiggestellte Schulanbau in Hedelfingen
Der Schulanbau nach Fertigstellung

Das Ringen der Hedelfinger mit der Stadtverwaltung und dem Gemeinderat von Stuttgart scheint nach einigen Jahren zum gewünschten Ergebnis geführt zu haben. Die Schnelligkeit vom Beschluß bis zur Fertigstellung ist für heutige Verhältnisse atemberaubend.

Beschluß des Gemeinderates vom 2. Dezember 1926 zum Anbau und zur Erweiterung der Schule: Baubeginn März 1927. Baukosten 255 TM. Bezugsfertig Februar 1928. Einweihung 18.4.1928.

In der Süddeutschen Zeitung vom Donnerstag, 19.4.1928, wird berichtet:

„Schulhausweihe in Hedelfingen

Der Erweiterungsbau des Hedelfinger Schulhauses wurde gestern vormittag mit einer würdigen Feier seiner Bestimmung übergeben. Im Zeichensaal des Neubaus versammelten sich die Teilnehmer der Feier: Oberbürgermeister Dr. Lautenschlager, Bürgermeister Dr. Ludwig, Mitglieder des Gemeinderats, Oberregierungsrat Erb als Vertreter des Oberschulrats, die Lehrerschaft und Mitglieder des Ortsschulrats.

Oberbürgermeister Dr. Lautenschlager bemerkte in seiner Ansprache, daß das Hochbauamt bei der Erstellung des Erweiterungsbaues seine Aufgabe bestens gelöst habe, und daß zweifellos für die Lehrerschaft eine bessere Grundlage für ihre Unterrichtstätigkeit vorhanden sei, als dies seither der Fall war. Mit den besten Wünschen für die Schule, für Lehrer und Schüler und herzlichem Dank an die Baumeister des Städ. Hochbauamtes, an die Bauunternehmer, Handwerker und Arbeiter, schloß der Redner seine warmherzige Ansprache.

Der Schulvorstand, Rektor Bauer, gedachte in sinnigen Worten der Bedeutung dieses Tages und dieser Schulhausweihe für Hedelfingen; er schilderte den Notstand, der sich für die Hedelfinger Schule durch den Mangel an Unterrichtsräumen ergeben, wodurch man gezwungen war, die Gastfreundschaft der Wangener und der Sillenbucher in Anspruch zu nehmen.

Schulrat Hartlieb überbrachte die Glückwünsche des evangelischen Schulrats, Herr Barth die des Ortsschulrats Hedelfingen und Stadtpfarrer Dr. Schairer die der evangelischen Kirchengemeinde Hedelfingen. Die schlichte Feier war von vorzüglichen musikalischen Darbietungen der Lehrerschaft und Gesangs- und Gedichtvorträgen der Schüler umrahmt.“

Quelle Zeitungsartikel: Württembergische Landesbibliothek

Das Beitragsfoto oben zeigt die neue Hedelfinger Schule bei deren Eröffnungsfeier im Jahre 2028

WILIH dankt Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer für diese Geschichte. Die historischen Fotos und Dokumente stammen aus dem Fundus des Alten Hauses Hedelfingen.


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