Einwohnerversammlung Sillenbuch – Gute Laune, große Hoffnung

Stuttgart-Sillenbuch … Nach 2013 leitete Fritz Kuhn am 14. Oktober zum zweiten Mal eine Einwohnerversammlung in Sillenbuch. Der Stuttgarter Oberbürgermeister lobte den „tollen Stadtbezirk“ und stellte sich gemeinsam mit seinen Fachbürgermeistern den Fragen der Einwohner im fast vollen Theatersaal des Wohnstifts Augustinum.

Bezirksvorsteher Peter-Alexander Schreck begrüßte vor dem Augustinum OB Fritz Kuhn sowie Bürgermeisterin Isabel Fezer und Bürgermeister Martin Schairer (von rechts).

Die Top-Themen waren das geplante Bürgerzentrum mit Bezirksverwaltung und Feuerwehrhaus, das Naturschutzgebiet Eichenhain, die Entwicklung eines städtebaulichen Konzepts für das Gebiet Schwellenäcker bis „Über der Straße“ in Heumaden mit der „Bernsteinwiese“ sowie – wie immer – der Verkehr in allen seinen Facetten. Überraschend deutliches Ergebnis aus einer insgesamt lebhaften und vielschichtigen Diskussion: Der „Hohlweg“ zwischen Alt-Sillenbuch und Rohracker soll endlich gesperrt werden. Ordnungsbürgermeister Martin Schairer versprach konkret: „Dieses Jahr noch!“

Klima, Wohnen, Kultur – Nein zu Antisemitismus

Der aufgeräumt wirkende OB startete seinen Vortrag über Sillenbuch mit einer Begeisterung für den Stadtbezirk, dass man fast schon vermuten mochte, Fritz Kuhn sei hier auf Wohnungssuche. Gute Luft, ein Naturschutzgebiet, klasse ÖPNV-Anbindung, ordentliche Infrastruktur, guter bürgerschaftlicher Zusammenhalt, prima gelungene Integration Zugewanderter, ausgezeichnete Bildungslandschaft, guter Kompromiss für das Geschwister-Scholl-Gymnasium – Kuhns Positivliste war lang. Dennoch schaute er nach seinem Fazit „Sie wohnen in einem guten, tollen Stadtbezirk“ in zahlreiche ungläubige Gesichter. Der Schwabe weiß seine Begeisterung halt zu zügeln.

Der Rathauschef verschwieg aber auch die Themen nicht, bei denen in Heumaden, Riedenberg und Sillenbuch momentan der Schuh drückt. Bis ins Rathaus vorgedrungen waren der Konflikt um die „Bernsteinwiese“ und den Eichenhain. Doch dann ging Kuhn auf die gesamtstädtischen Themen ein, die dem Grünen am Herzen liegen: sein 200 Millionen Euro-Sofortprogramm für den Klimaschutz, Photovoltaikanlagen auf Hausdächern, mehr Elektroautos, Wohnraum schaffen ohne Eingriffe in Landwirtschaft und Grünbereiche, Kulturhauptstadt Stuttgart, Opersanierung, Schuldenfreiheit der Stadt. Großen Applaus erhielt Kuhn für seinen Appell contra Antisemitismus.

Warum Hunde und Partys, aber keine Waldheimkinder?

Die Diskussion begann mit einem Hilferuf des stellvertretenden Sillenbucher Feuerwehrkommandanten. Die Wehr hofft auf ein neus Magazin im geplanten Bürgerzentrum, braucht aber schon jetzt Verbesserungen in zu klein gewordenen Räumen. Der OB verwies – wie so oft an diesem Abend – auf die anstehenden Haushaltsplanberatungen. Die Feuerwehr darf hoffen, ihr Hilferuf bekam starken Applaus.

Für den stärksten Beifall des Abends sorgten zwei jugendliche Waldheimbetreuer. Sie prangerten an, dass der Eichenhain seit diesem Sommer als Ergänzungsfläche für Aktivitäten während der Waldheimferien ausfalle. Das Regierungspräsidium hatte wegen des Naturschutzes das „Lagern“ untersagt. Nun sei aber die Programmgestaltung schwierig, die als Alternative angebotene Wiese am Ilse-Beate-Jäkel-Weg zu weit entfernt. Schäden am schützenswerten Magerrasen seien seit 70 Jahren nicht zu beklagen gewesen. Und überhaupt gehe es nur um fünf Wochen Waldheimferien. Wie solle man Kindern das Eichenhain-Verbot erklären, solange in dem Naturschutzgebiet Hunde ohne Leine unterwegs seien und Jugendliche dort feiern und sich betrinken würden? Und dies das ganze Jahr. Da hatte es Umweltbürgermeister Peter Pätzold schwer, Argumente zu finden. In die Enge getrieben, versprach er immerhin eine beschleunigte Kompromisssuche. Und Sicherheitsbürgermeister Martin Schairer stellte verstärkte Kontrollen in Aussicht. Der Konflikt zwischen Naturschutz einerseits und Freizeitinteressen andererseits bleibt vorerst bestehen.

Bernsteinwiesler hoffen, Fahrradfahrer warten

Gut vorbereitet zegte sich auch die Interessengemeinschaft aus dem Heumadener Wohngebiet „Über der Straße“, die sich für einen Erhalt der „Bernsteinwiese“ stark macht und mit ihrem Ziel auf Platz 2 des Bürgerhaushalts landete. Ihr Sprecher forderte von der Stadt erneut, ihr „Tafelsilber“ nicht zu opfern und sieht in dem Grünbereich am Stadtrand einen wertvollen „urbanen Lebensraum“. Auf die Frage, inwiefern der Erhalt der beliebten Wiese im angestrebten Entwicklungskonzept für das Quartier berücksichtigt ist, wies die Antwort, diesmal von Peter Pätzold, wieder einmal auf die Beschlüsse des Gemeinderates zum kommenden Stadthaushalt hin: „Nach den Haushaltberatungen sind wir alle schlauer.“ Der Interessenvertreter verstand dies als eine „zwischen den Zeilen gegebene Zusage“. Das gab Applaus.

Viele weitere Diskussionsbeiträge hatten mit Verkehrssorgen zu tun. Bei allem Interesse an einer Förderung des Radverkehrs, wo immer es geht, scheint sich im Rathaus inzwischen die Erkenntnis zu verbreiten, dass es Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern wird, um Stuttgart wirklich fahrradfreundlich zu machen. Angesichts der Topographie keine wirkliche Überraschung. Oft fehlt es aber auch einfach am notwendigen Platz. Für Sillenbuch stehen eine Hauptradroute sowie ein Radschnellweg von und nach Ostfildern auf dem Programm, außerdem zwei zusätzliche RegioRad-Stationen. Einem Bürger-Vorschlag, die Hecken entlang der Kirchheimer Straße zu entfernen, damit Radler besser vor öffnenden Autotüren ausweichen können, konterte der OB mit der Forderung nach mehr Rücksicht aller Teilnehmer am Straßenverkehr. Recht hat er, aber nützt das etwas?

Angst vor Ferienparkern, Wunsch nach LKW-Kontrollen

Wenig Gegenliebe fand ein Vorschlag, an der Schwende ein P+R-Parkhaus zu bauen – analog Oesterfeld. Auf eine Forderung nach einer unterirdischen Filderauffahrt antwortete OB Kuhn mit der „Kernfrage“, ob es sinnvoll ist, den Autoverkehr weiter zu verflüssigen. Konkret: Dazu sei nichts geplant und nichts finanziert, sagte der Rathauschef. Aber wenn ein Tunnel – irgendwann – käme, dann als langer Fildertunnel. Die Anregung eines Augustinum-Bewohners, ein Jahresabo für die ÖPNV-Nutzung für Rentner nur innerhalb von Stuttgart für um die 200 Euro anzubieten, will Fritz Kuhn in die nächste Sitzung des VVS-Tarifausschusses mitnehmen.

Sensibilisieren ließ sich das Stadtoberhaupt auch für die Sorge aus Heumaden, der bald beschleunigte Flughafenbus der Linie 65 könne Sparfüchse dazu verleiten, ihre Autos während der Ferienreise in Heumäder Wohngebieten zu parken – Plieningen lässt grüßen. So etwas gelte es zu unterbinden, grollte Kuhn – wohl wissend, das es rechtlich schwierig ist. Ein wenig Hoffnungen dürfen sich die Riedenberger machen: Bürgermeister Schairer sprach sich für verstärkte Verkehrskontrollen zur Durchsetzung des LKW-Durchfahrtsverbots aus. Er wolle mit der Polizei reden, „damit wir da noch schärfer ran gehen“. Das würden auch die Hedelfinger zu schätzen wissen.

Fragen außerhalb der Einwohnerversammlung

Dann gab es noch ein paar wohlwollende Kommentare und Hilfsangebote auf Einzelfragen zu Kindergartenplätzen, Vereinsräumen, Gymnasiumsneu- und -erweiterungsbau sowie den Umgang mit Falschparkern. Und der SV Sillenbuch darf auf Unterstützung bei seiner Suche nach neuen Räumen für die Judoabteilung hoffen. Nach gut zwei Stunden ging der Abend der guten Laune und großen Hoffnungen im Augustinum zu Ende. Eine Frage bleibt aber noch. Im Vorfeld hatten die Einwohner Gelegenheit, online „konkrete Fragen für die Einwohnerversammlung in Sillenbuch einzureichen“, was 21 auch taten. Auf stuttgart-meine-stadt.de heißt es zwar: „Alle eingereichten Fragen werden hier im Portal von der Stadtverwaltung beantwortet.“ Aber was hat diese Bürgertbeteiligung eigentlich mit der Einwohnerversammlung zu tun? Außer dass sie mit ihr zu Ende geht.

Foto oben: Mit rund 300 Besuchern im Theater des Augustinums war die Sillenbucher eine der besser besuchten Einwohnerversammlungen Stuttgarts.

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