Neue Flüchtlingsunterkünfte in Sillenbuch: Sorgen treffen auf Zuversicht

Stuttgart-Sillenbuch … Am 29. Oktober hat der Gemeinderat die fünfte Standort-Tranche für die Flüchtlingsunterbringung in Stuttgart beschlossen – darunter zwei neue Flüchtlingscontainer in Sillenbuch. Im Vorfeld fand in Sillenbuch ein gut besuchter Infoabend statt. Neben Bürgern, die Angst vor Diebstahl, Vergewaltigung und Tuberkulose haben, gibt es auch große Hilfsbereitschaft.

Podium Infoabend Flüchtlingsunterkünfte Sillenbuch 26.10.2015
Auf dem Podium (von links): Bezirksvorsteher Peter-Alexander Schreck, Anette Müller (Amt für Liegenschaften und Wohnen), Günter Gerstenberger (Sozialamt), Ariane Müller-Ressing (Freundeskreis beim Flüchtlingsdorf Heumaden), Heidrun Seifert (Kontaktgruppe Asyl), Uemit Kepenek (AGDW)

Wie viele Nachrichten im Zusammenhang mit dem Flüchtlingsstrom nach Deutschland kam auch Ende September die Mitteilung überraschend, dass in Sillenbuch zwei neue Flüchtlingsunterkünfte eingerichtet werden sollen: zwei Container neben dem Geschwister-Scholl-Gymnasium (GSG) am Unteren Hasenwedel für 108 Flüchtlinge und eine Notunterkunft für etwa 80 Asylsuchende in den leerstehenden ehemaligen Schulgebäuden an der Gorch-Fock-Straße 32.

Vertreter der Stadt erläuterten das Vorhaben zunächst in einer öffentlichen Sondersitzung am 14. Oktober in Heumaden dem Sillenbucher Bezirksbeirat. Was dort wurde bereits deutlich wurde, erklärte Anette Müller (Amt für Liegenschaften und Wohnen) jetzt noch einmal am 26. Oktober vor rund 120 Bürgern bei einem von Sillenbuchs Bezirksvorsteher Peter-Alexander Schreck organisierten und von Markus Herzig moderierten Infoabend in der Mensa der Sillenbucher Grundschule: dass die Stadt eilig nach Quartieren suchen muss, in denen möglichst viele Flüchtlinge untergebracht werden können, die zur Verfügung stehen und ohne zeitraubende Genehmigungsverfahren zu belegen sind. Dabei will die Stadt am „Stuttgarter Weg” der dezentralen Flüchtlingsunterbringung festhalten. Günter Gerstenberger (Sozialamt) erläuterte dazu den Verfahrensweg von Landeserstaufnahmestellen (LEA) nach Stuttgart, die ärztliche Untersuchung und Versorgung von Flüchtlingen sowie integrative Begleitmaßnahmen zur Unterbringung.

„Das muss gelingen!”

Die Sorgen der anwesenden Bürger ranken insbesondere um Infektionsrisiken und Kriminalität. In beiderlei Hinsicht gibt es deutliche Kritik an der Standortwahl. Die unmittelbare Nähe zum Kindergarten an der Gorch-Fock-Straße sowie am Unteren Hasenwedel zum GSG wird von besorgten Eltern kritisch gesehen. GSG-Leiterin Irmgard Brendgen versicherte, die Bedenken von Eltern ernst zu nehmen. Doch würden Kontakte zwischen Schülern und Flüchtlingen nicht zu vermeiden sein. Das wolle man auch gar nicht, so Brendgen. Das GSG habe keine andere Wahl und müsse auf die Situation eingehen, forderte sie unter Applaus: „Das muss gelingen!” Die Nähe zu sozialen Einrichtungen, insbesondere Schulen und Kindergärten, sei sogar „eher positiv” zu bewerten, meinte Ariane Müller-Ressing, die seit Jahren ehrenamtlich den Freundeskreis beim Heumadener Asyldorf leitet. Auch eine außergewöhnliche  Infektionsgefahr sieht sie nicht, riet aber zu Aufmerksamkeit. Dass sich ansteckende Krankheiten in Menschenmengen schneller verbreiten könnten, sei eine „Binsenweisheit”. Und zur Angst vor sexuellen Übergriffen meinte die erfahrene Flüchtlingshelferin: „Das ist nichts Flüchtlingstypisches!” Außerdem seien unter den Asylsuchenden nicht nur alleinstehende Männer, sondern auch Frauen. Ihre Mahnung „alleinstehend heißt nicht gefährlich” wurde mit Applaus quittiert.

„Freundeskreise bilden!”

Auch Heidrun Seifert sieht im Stadtbezirk gute Chancen für die Integration weiterer Flüchtlinge. Das sei nicht neu für den Stadtbezirk. Die Sprecherin der Kontaktgruppe Asyl sieht die frühzeitige Gründung von Freundeskreisen als Erfolgsfaktor an: „Das ist das beste Mittel, dass alles gut läuft.” Sie hoffe auf die Bildung eines neuen Kreises, warb Seifert um Ehrenamtliche. Auch Uemit Kepenek versuchte, besorgte Bürger zu beruhigen. Er habe in den zwei Jahren, die er inzwischen die Gemeinschaftsunterkunft an der Kirchheimer Straße 142-146 betreut, keine einzige Krankheit bekommen, versicherte der Mitarbeiter der Arbeitsgemeinschaft Dritte Welt (AGDW), der hauptamtlich für Flüchtlingsbetreuung zuständig ist. Auch Sorgen vor Kriminalität und Übergriffen findet er unbegründet: „Es ist ja nicht so, dass die Menschen rausgehen, um jemanden zu überfallen.” Die wichtigste Aufgabe sei jetzt die rasche soziale Integration der neuen Flüchtlinge. Denn: „Die Leute sind ja hier.” Bei der Gesundheitskontrolle solle die Stadt aber „noch ein bisschen nachhaken”, forderte er. Kepenek ist übrigens zentraler Ansprechpartner für alle, die sich in der Flüchtlingshilfe im Stadtbezirk Sillenbuch engagieren wollen (Kontaktaufnahme bitte via eMail an uemit.kepenek@agdw.de).
Was kann man jetzt tun? Sachspenden seien derzeit nicht notwendig, meinte Heidrun Seifert. Helfen könne man, indem man Flüchtlinge begleite. Am besten sei eine Gruppe von Menschen, die angerufen werden können, wenn etwas zu regeln sei. Auch Kontakte zu Sportvereinen seien hilfreich, ganz wichtig sei die Betreuung von Kindern. Uemit Kepenek weiß, das alles willkommen ist, was gegen die tägliche „Tristesse” im Flüchtlingsheim helfen kann. Sinnvoll sei insbesondere eine ehrenamtliche Unterstützung des Sprachunterrichts, damit sich die Flüchtlinge möglichst schnell hier zurechtfinden und verständigen können.

„Willkommen!” gibt Tipps

Zu Standortvorschlägen aus der Bürgerschaft meinte Anette Müller: „Wir werden Standorte prüfen, wir werden sie aber nicht alternativ prüfen, sondern nur im Hinblick auf weitere denkbare Unterkünfte.” Diese Aussage war natürlich frustrierend für besorgte Bürger, die geglaubt haben mögen, an dem Informationsabend noch Einfluss auf die Standortwahl nehmen zu können. Es gab aber auch viel Offenheit. Einer wollte sogar wissen, wie er Arabisch lernen kann. Es gab Aufforderungen zum Mitmachen – zum Beispiel beim Containercafé im Heumadener Flüchtlingsdorf. Und es wurde gefragt, wie man hrenamtliche Flüchtlingshilfe lernen kann. Da wusste Ariane Müller-Ressing eine Antwort: Für Interessierte  hat das baden-württembergische Staatsministerium das 140-seitige Handbuch „Willkommen!” herausgegeben.

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