Autohof – Gute Ideen, aber Streit ums Verfahren

Stuttgart-Wangen/Hedelfingen … Der Wangener Autohof soll zum „Logistik-Hub” weiterentwickelt werden. Damit möchte die SVG, die den heutigen LKW-Parkplatz in Wangen betreibt, das Tor zur Zukunft der innerstädtischen Logistik aufstoßen, die Energiewende unterstützen und neue Geschäftsfelder erschließen.

Wo heute eine unattraktive Asphaltfläche ist, soll ein in der Spitze über 20 Meter hoher Gebäudekomplex entstehen, der auch Produktion und Dienstleistungen ein Zuhause geben sowie Freizeitmöglichkeiten für die Bevölkerung schaffen kann. Auch der benachbarten Wilhelmsschule werden Angebote gemacht. Die ersten Ideen – im Auftrag der SVG vom Hedelfinger Architekturbüro larob entwickelt – machen Mut zur Weiterentwicklung. Streit gibt es allerdings um das anzuwendende Verfahren. Was die Stadt will, ist dem Investor zu kompliziert und zu teuer. Die Kommunalpolitiker sind sich uneins. Wird ein mögliches Pilotprojekt deshalb am Ende scheitern?

Wer ist und was will die SVG?

Die SVG ist eine Straßenverkehrsgenossenschaft mit mehr als hundert Jahren Erfahrung in Gütertransport und Logistik. Ihr Geschäftsbereich für den Süden Deutschlands stellt auf dem 36.000 Quadratmeter großen Autohof-Areal zwischen B10, Otto-Konz-Brücken und Hedelfinger Straße in Wangen zahlreiche LKW-Parkplätze sowie Flächen für arrondierende Anbieter zur Verfügung (z.B. zwei Tankstellen, SB-Waschanlage, Reifenmontage, Hotel). Außerdem hat die SVG am Wangener Standort ihr Verwaltungs- und Seminargebäude, das vor wenigen Jahren erneuert wurde.

Allein was den Gütertransport betrifft, sieht die Genossenschaft ihre Zukunft in einem Wachstumsmarkt. 2051 sei im stark wachsenden nationalen Güterverkehr der LKW mit einem Anteil von 77,5 Prozent das mit weitem Abstand wichtigste Transportmittel, zitiert die SVG aus einer Prognose des Bundesverkehrsministeriums. Schon deshalb sieht man den Autohof der Zukunft als Logistikzentrum. Als Kernfunktionen definiert die SVG Warenumschlag und -sortierung sowie die Energieversorgung von Transportfahrzeugen. Neben Tankstellen für Benzin und Diesel sowie bereits installierten Elektroladesäulen spielen auch Wasserstoff und E-Fuels in den Überlegungen eine Rolle. Besonders interessant: Der Autohof könnte den Innenstadt-Lieferverkehr entlasten, indem in Wangen angelieferte Pakete innerhalb von Stuttgart – mit wie auch immer gearteten Kleinfahrzeugen und möglichst klimaneutral – ausgeliefert werden.

Mit ihrem Investitionsvorhaben greift die SVG das vor drei Jahren von der Stadt Stuttgart präsentierte Konzept „Urban Sandwich” auf. Es basiert auf der Idee, ineffektive Gewerbeflächen zu optimieren, indem Nutzungen „gestapelt” werden. Eine Nachverdichtung in die Höhe sozusagen. So gut diese Idee an sich ist, die Stadt ist darauf angewiesen, dass sich Grundstückeigentümer finden, die bereit sind, sie umzusetzen. Kein einfaches Unterfangen: Drei Jahre nach der Präsentation ist von damals fünf potentiellen Standorten – davon drei in Wangen – nur noch der Autohof  übriggeblieben. Was aber noch nicht heißt, dass die SVG das ehrgeizige und mit Sicherheit einen hohen Millionenbetrag verschlingende Projekt tatsächlich realisieren wird.

Was hat Wangen davon?

Das heutige Autohof-Gelände ist wahrlich kein Schmuckstück. Es ist eben, versiegelt und überwiegend ein Rangier- und Parkplatz für Sattelschlepper, die dort Station machen. Die Wangener haben wenig davon. Das könnte sich durch die angedachte Transformation ändern. In ersten Projektskizzen von larob spielt neben der Entwicklung zum „Logistik-Hub” unter Einbeziehung von zum Beispiel Pharmaindustrie, Verteilung von Blutkonserven und lokalem Gewerbe auch die Schaffung von Freizeitflächen mit hoher Aufenthaltsqualität auf dem Gebäudedach eine Rolle. Von Eventgastronomie, Sportfeldern und Flächen für „Urban Farming” ist die Rede. Dächer und Fassaden sollen begrünt und die notwendige Energie vor Ort gewonnen werden. Zudem werden Chancen für eine Ausdehnung der Wilhelmsschule gesehen. Lehrerparkplätze könnten auf den Autohof verlagert werden, auch eine Schulhoferweiterung und eine Sporthalle sind im Gespräch.

Aktuell liegt hierzu eine Machbarkeitsstudie auf dem Tisch – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dazu gibt es auch eine Visualisierung. Erste Einblicke gab es in den öffentlichen Sitzungen der Bezirksbeiräte Wangen (15.4.2024) und Hedelfingen (16.4.2024) sowie im Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik (STA) des Stuttgarter Gemeinderats (16.4.2024). Auf Wunsch der SVG werden hier aber noch keine Projektskizzen gezeigt. Solange noch nicht klar sei, inwieweit das Vorhaben umgesetzt werden soll, möchten die Investoren noch keine Bilder publik machen. Am Freitag, 19. April 2024, erfolgt noch eine weitere Präsentation im Ausschuss für Wirtschaft und Wohnen (WA) des Gemeinderats (Beginn um 8.30 Uhr im Kleinen Sitzungssaal des Rathauses, 3. Stock, Marktplatz 1); die Sitzung ist öffentlich.

Michel Roeder vom Architekturbüro larob sieht die Möglichkeit zu einer städtebaulichen Initialzündung. Der Autohof der Zukunft werde kein Gebäude sein, sondern eine „gestapelte Landschaft”. Der Architekturprofessor erwartet für den Ortseingang Wangen eine deutliche Aufwertung und wirbt bei Stadtverwaltung und Kommunalpolitikern für Unterstützung der SVG.

Was will die Stadt?

Zwei Stadtplanerinnen präsentierten jetzt in Wangen und Hedelfingen die Vorstellungen der Landeshauptstadt zu dem Vorhaben. Die pocht auf ihre „Planungshoheit” und setzt Rahmenbedingungen. So müssen der Flächennutzungsplan sowie der aus dem Jahr 1965 stammende Bebauungsplan geändert werden. Kritische Punkte aus Stadt-Sicht sind Gebäudehöhen von mehr als 20 Metern sowie die Größe des Plangebiets. Die Grundfläche sei größer als die des „Gerber” und entspreche drei Viertel des „Milaneo” in der Innenstadt. Wert gelegt wird zudem auf die Übergänge zur eher kleinteiligen Gebäudestruktur im Wohngebiet ab der Gingener Straße, einen sensiblen Umgang mit der Nachbarschaft zur Wilhelmsschule, Wegeverbindungen für Fußgänger und Radfahrer in Richtung Gingener Straße und Kesselstraße sowie markante Ortseingänge an den Otto-Konz-Brücken.

Inhaltlich lassen sich nicht wirklich Zielkonflikte zwischen Stadtplanung und Machbarkeitsstudie des Investors ausmachen. Anders bei der Vorstellungen, wie das Verfahren weitergeführt werden soll. Streitpunkt ist die sogenannte Qualitätssicherung. SVG und larob arbeiten bisher gut und gerne zusammen und würden das Projekt gerne gemeinsam weiter voranbringen. Hierzu schlagen Sie ein Verfahren vor, das den Stuttgarter Gestaltungsbeirat einbezieht – ein Expertengremium, das Bauprojekte beurteilt und Empfehlungen ausspricht, die dann umzusetzen sind.

Die Stadt ist damit nicht einverstanden. Sie fürchtet für Projekte dieser Größenordnung einen Präzedenzfall und präferiert ein „konkurrierendes Verfahren”. Das könnte entweder ein Architektenwettbewerb oder eine Mehrfachbeauftragung von Architekten sein.

Problem: Das kostet Zeit und Geld. Und zwar nicht Geld der Stadt, sondern des Investors. Der jedoch zeigt wenig Neigung, lange zu warten und seine Kosten weiter in die Höhe zu treiben. In der Wangener Bezirksbeiratssitzung winkte SVG-Vorstand Uwe Nestel bereits mit dem Zaunpfahl: „Zehn Jahre wollen wir  nicht warten, dann machen wir das Projekt woanders!”

Wie geht es jetzt weiter?

Schwer zu sagen. Der Bezirksbeirat Wangen votierte am 15. April einstimmig für eine Entwicklung des Autohofs zu einem suburbanen Logistikhub in der als machbar dargestellten Dimension. Ebenso am 16. April der STA des Gemeinderats. Der Hedelfinger Bezirksbeirat war am 16. April nur mittelbar als Nachbarstadtbezirk involviert und durfte deshalb nicht abstimmen. Das Vorhaben an sich wird in Hedelfingen aber ebenfalls begrüßt.

Der Bezirksbeirat Wangen sprach sich mehrheitlich dafür aus, drei Entwürfe vorzulegen. Was aber kein Votum für einen Architektenwettbewerb ist. Die drei Entwürfe könnten auch aus einem Architekturbüro stammen.

Die zweite Abstimmung offenbart Uneinigkeit im Verfahrensstreit. In Wangen wurde ein von der Stadt angestrebtes Wettbewerbsverfahren bei drei Ja- und drei Nein-Stimmen sowie zwei Enthaltungen im Ergebnis abgelehnt. Im STA des Gemeinderats kam es zu einem gegenteiligen Ergebnis: acht Stimmen für den städtischen Vorschlag, sechs dagegen und eine Enthaltung. Allerdings hatte zuvor Baubürgermeister Peter Pätzold bereits die Kooperation von Stadt und SVG als wichtigen Faktor in das weitere Verfahren aufgenommen. Der Hedelfinger Bezirksbeirat durfte zwar nicht abstimmen, es wurde aber eine eher deutlichere Ablehnung des städtischen Verfahrensvorschlags erkennbar als zuvor in Wangen. Sehr deutlich wurden in Hedelfingen CDU und Freie Wähler, die unisono forderten, die Stadt solle dem Investor keine Steine in den Weg legen. Das Meinungsbild des gemeinderätlichen Wirtschaftsausschusses steht bei Veröffentlichung dieses Beitrags noch aus.

Somit gibt es zum einem einen Interessenkonflikt zwischen Stadtverwaltung und Investor, was die Komplexität des weiteren Verfahrens betrifft. Zum anderen zeichnet sich aber auch ein Konflikt zwischen Stadt und betroffenen Stadtbezirken ab, was die Zusammenarbeit mit dem Investor angeht. Alles in allem eine zur Zeit unübersichtliche Gemengelage. Prognosen zu den Chancen des Projekts fallen auf dieser Grundlage schwer.


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