Bravo, Stuttgart!

Der Radverkehr spielt im Stuttgarter OB-Wahlkampf eine Rolle. Nicht die größte, was wohl bei aller Bedeutung von Verkehrsfragen angesichts anderer Herausforderungen auch nicht angemessen wäre, aber immerhin. Dass nahezu alle Bewerber das Fahrrad als wichtiges und immer wichtiger werdendes Verkehrsmittel ansehen, überrascht nicht. Das ist ja schließlich keine Stuttgarter Erfindung. Wohl ein Stuttgarter Spezifikum ist das Bestreben, das Fahrrad bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu loben und zu propagieren. Deswegen ist die Rathausspitze stolz auf jeden Meter Verkehrsraum, der neu für Radfahrer geschaffen wurde. Und da zählt wirklich jeder Meter. Auch wenn kaum ein Radler je auf die Idee käme, ihn zu nutzen. Das wohl plakativste Beispiel findet man beim Feuerwehrhaus in Hedelfingen, wo entgegen der Auto-Fahrtrichtung eine Parklücke zum „Radweg” umgewidmet wurde. Auffällig ist aber auch eine neue Idee, nämlich die Zählung von Radfahrern an einigen – wenigen – Stellen in der Stadt. Zu diesem Zweck wurden und werden wohl noch mehr Radzählsäulen aufgestellt, die allen, die es ablesen mögen, anzeigen, wieviele Radler heute, gestern und im ganzen Jahr vorbeifuhren. Über den Informationswert lässt sich trefflich streiten. Immerhin zeigt das Display auch Datum und Temperatur an. Im Stuttgarter Rathaus ist man mächtig stolz auf diese Säulen. Auch wenn man nicht genau erklären kann, was man aus den angezeigten Zahlen lernen kann und will. Zumal an Stellen wie in Heumaden, wo die Säule an einem Radweg steht, den es schon eine halbe Ewigkeit gibt und der nicht zur Disposition steht. Immerhin haben es die Stuttgarter Radzählsäulen – nicht bloß die Heumäder – jetzt ins Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler geschafft. Stuttgart rangiert damit unter den Top Hundert der Steuerverschwender des Jahres. Bravo! Die Steuerzahlerlobby verweist in ihrem Kommentar darauf, dass man sehr wohl Radler zählen könne. Im Hinblick auf eine gute Verkehrsplanung mag dies durchaus ratsam erscheinen. Bezweifelt wird im neuen Schwarzbuch aber – wie von vielen Bürgern auch – der Sinn der enormen Geldausgabe für die Displaystelen. Und diese Kritik ist berechtigt. Hätte man eine Zählstelle in Heumaden nur wenige Meter entfernt eingerichtet, nämlich neben dem Kurzstreifen vor der Bergab-Haltestelle Bockelstraße, dann könnte man erfahren, wie wenige Radler ihr neues Fahrbahnbiotop einem schon lange vorhandenen parallel verlaufenden, sicheren Weg und einer drohenden Begegnung mit dem Bus vorziehen. Es kämen wahrscheinlich erschreckende Zahlen heraus. In der Nähe von Null vermutlich. Doch das will die Stadt natürlich nicht wissen und schon gar nicht publik werden lassen. Aber vielleicht der Bund der Steuerzahler. Nächstes Jahr gibt es ja wieder ein Schwarzbuch.

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