Ein Bischof aus Sachsen auf Hedelfingens Friedhof?

Lebendige Ortsgeschichte (Folge 7). Historisches aus und über Hedelfingen – unterhaltsam erklärt von Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer, 19. Januar 2023 … Über Hedelfingen gibt es viel zu erzählen. Besonders gut und gerne tun dies der ehemalige Hedelfinger Bezirksvorsteher Hans-Peter Seiler und Hedelfingens Ortshistoriker Michael Wießmeyer. Seit Jahren begeistern die beiden Hedelfingen-Fans bei Vorträgen und Führungen ein stetig wachsendes Publikum mit ihren Geschichten über die Geschichte des vor hundert Jahren von Stuttgart eingemeindeten Neckarvororts. WILIH veröffentlicht hier eine Serie mit vielen interessanten Blicken auf die Historie Hedelfingens. In loser Folge wollen die Geschichten-über-Geschichte-Erzähler Seiler und Wießmeyer an dieser Stelle Lust auf Hedelfingen machen.

Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer beim Stöbern in historischen Fotos
Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer beim Stöbern in historischen Dokumenten

Thema dieser Folge: Was macht ein Landesbischof aus Sachsen auf dem Hedelfinger Friedhof?

Auf Friedhöfen kann man viele Überraschungen erleben. So auch auf dem Hedelfinger Friedhof, wenn man einen Hauptweg entlang geht und ein stattliches Grab entdeckt und staunend liest: Hugo Hahn, Landesbischof, geboren in Reval und vor 65 Jahren gestorben. Wir fragen uns, warum ein evangelischer Landesbischof, der 1957 in Dresden gestorben ist, bei uns auf dem Friedhof begraben liegt.

1930 wurde Hugo Hahn erster Pfarrer der Dresdener Frauenkirche und Superintendent des Dresdener Kirchensprengels. Er hatte den Ruf eines ausgezeichneten Seelsorgers und Predigers und er kannte sich in der Kirchenverwaltung aus.

Investitur als Landesbischof von Sachsen im Dom von Meißen. Am Altar Bischof Meiser Bayern, Bischof Wurm Württemberg
Investitur als Landesbischof von Sachsen im Dom von Meißen. Am Altar Bischof Meiser, Bayern, Bischof Wurm, Württemberg

Vom Sympathisanten Hitlers wandelte sich Hugo Hahn schnell zum Gegner. Im von Martin Niemöller gegründeten reichsweiten Pfarrer-Notbund war er bereits im Oktober 1933 dabei.

Der Preis für dieses markante kirchenpolitische Widerstandsprofil war Repression: Hahn wurde von der sächsischen Kirchenleitung seiner Ämter enthoben und bereits im Januar 1934 kurzzeitig, zusammen mit seiner Frau, verhaftet. Hahn ließ sich aber nicht brechen. Sein Rückhalt in der Pfarrerschaft und vielen Gemeinden zwang die Kirchenleitung immer wieder zum Einlenken.

Im April 1934 gab Hahn die Anregung zur „Kundgebung von Ulm“ für den bedrängten württembergischen Landesbischof Wurm. Dazu kamen Vertreter bekenntnistreuer Gruppen und Kirchen aus ganz Deutschland im Ulmer Münster zusammen. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang seine Schlusspredigt bei der Bekenntnissynode von Barmen bei Wuppertal im Mai 1934. Hahn entwickelte sich zu einem der wichtigsten Vertreter der bekennenden Kirche und als Gegner der Nazis.

Hugo Hahn, gezeichnet von Karl Baur
Hugo Hahn, gezeichnet von Karl Baur. Links die Kreuzkirche Hedelfingen, rechts die Frauenkirche in Dresden

Pfarrer Hahn wurde im Dezember 1937 als Superintendent und im Februar 1938 von seinen Kirchenämtern suspendiert. Eine von ihm verfasste, sehr scharf gehaltene kirchenpolitische Kanzelabkündigung, die von den Bekenntnispfarrern verlesen wurde, führte zu seiner erneuten Verhaftung am 12. Mai 1938, und Hahn wurde des Freistaates Sachsen verwiesen.

Damit der Verwiesene eine Heimat findet, hat der württembergische Oberkirchenrat für ihn eine zweite Pfarrstelle in Hedelfingen bereitgestellt. Nach langem Abwägen entschloss sich Hahn, die Stelle in Hedelfingen anzunehmen. Stuttgart war ihm durch seinen Sohn Hans, der in Stuttgart-Wangen Vikar und in Stuttgart-Feuerbach in der Lutherkirche Stadtpfarrer war, nicht fremd. Am 25.10.1939 bezog er seine Wohnung an der Amstetter Straße 23, im Volksmund „Schlössle“ genannt.

Hahn und der erste Pfarrer Emil Lauxmann waren in einer schwierigen Situation. Hugo Hahn war eine große Persönlichkeit. Er führte die bekennende Kirche in Sachsen an, war Superindendent und Pfarrer der Frauenkirche. Und nun sollte er als zweiter Pfarrer unter Lauxmann in einer Landgemeinde dienen? Reibungen waren nicht vermeidbar. Allerdings haben beide Pfarrer es geschafft, kein unlösbares Problem daraus werden zu lassen.

Hahn stellte fest, dass er die Hedelfinger aufgrund des schwäbischen Dialekts nicht immer verstand. Umgekehrt verstanden sie ihn trotz seiner baltischen Sprachmelodie. In erster Linie war er aber in Hedelfingen Seelsorger und Prediger. Ein für ihn wichtiger Teil war die „Frauenheimat“, ein Altersheim für alleinstehende ältere Frauen, von der evangelischen Kirche betrieben. Heute ist dort das Emma-Reichle-Heim. Wöchentlich hielt er eine Bibelstunde ab, anschließend besuchte er die Bewohnerinnen. 

Hedelfinger Zeitzeugen sollen nun zu Wort kommen: „Er war ein Herr“. „Mit Hut und sehr vornehm lief er aufrecht durch den Flecken.“ Ein Pfarrer im Ruhestand, der ihn als Konfirmand erlebt hatte, fand ihn langweilig. Sein Onkel dagegen, Organist in Hedelfingen, verehrte Hahn von Anfang an. Eine Zeitzeugin beschreibt ihn als verständnisvoll, der den Kindern viel Vertrauen schenkte durch seine offene, einfache Art, menschliche Probleme helfend anzusprechen.

Erika und Hugo Hahn mit Enkeltochter Ilse 1941
Frühling 1941: Erika Hahn, Enkelkind Ilse und Hugo Hahn im Pfarrgarten an der Amstetter Straße

In einem persönlichen Geschenk steht „von deinem Seelsorger Stadtpfarrer Hahn“. So sah er seine Aufgabe in Hedelfingen als Prediger und Seelsorger. Eigentlich die wichtigsten Eigenschaften eines evangelischen Pfarrers.

Am 5. Februar 1942 starb Erika Hahn. Hahns Trauer war sehr groß. Stundenlang saß er oft auf einem Stuhl vor dem Grab. Erika Hahn war nach den Verhaftungen in Dresden und der Ausweisung krank geworden – trotzdem hinterließ auch sie Spuren in Hedelfingen. Sie war eine geduldige, zuhörende und einfühlsame Frau, die besonders bei Kriegswitwen und deren Not großen Anteil nahm. 

Im August 1945 wurde auf einer Kirchenversammlung im hessischen Treysa die Gründung der EKD beschlossen. Hugo Hahn wurde im Vorgriff als leitender Geistlicher der sächsischen Landeskirche in den zwölfköpfigen Rat der EKD gewählt. Für die sächsische Kirche unterzeichnete er am 19. Oktober 1945 das bedeutende Stuttgarter Schuldbekenntnis.

Die Sowjetische Militäradministration fasste 1947 den Beschluss, Hahns Rückkehr nach Sachsen und die Einsetzung als Landesbischof zu gestatten. Dies geschah am 31. Oktober 1947.

Nach langer und schwerer Krankheit starb Hugo Hahn am 5. November 1957 in Dresden. Nach dem Gottesdienst in der Dresdener Kreuzkirche wurde sein Sarg zur zerstörten Frauenkirche gebracht und anschließend nach Hedelfingen überführt. Die Beerdigung in Stuttgart-Hedelfingen fand am 11. November statt, wo er neben seiner Frau beigesetzt wurde. Sein Neffe, Wilhelm Hahn, späterer Kultusminister von Baden-Württemberg, hielt die Grabrede. 

Am Abend fand in der Leonhardskirche in Stuttgart die Gedächtnisfeier statt. Sein Nachfolger, Landesbischof Noth aus Sachsen, spricht folgende Abschiedsworte: „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die Größte unter ihnen. Das Bleibende im Leben und Sterben Hugo Hahns sind wirklich diese drei gewesen, aber das Größte war und ist die Liebe, die uns mit ihm begegnet ist. Solange er in Württemberg war, konnte er Sachsen nicht vergessen. Solange er in Sachsen war, konnte er Württemberg nicht vergessen.“

So gedenken wir dieses großen Mannes auf dem Hedelfinger Friedhof. Die Stadtverwaltung erhält und pflegt sein Grab. Vielen Dank dafür!

Die beiden Autoren richten einen herzlichen Dank an Dr. Harald Haury für seine Unterstützung. 

WILIH dankt Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer für diese Geschichte. Die historischen Fotos und Dokumente stammen aus dem Fundus des Alten Hauses Hedelfingen.

Nächstes Thema dieser Serie: Mitten im Weg – Warum Hedelfingen ein neues Rathaus bekam


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