Milchkur und Landleben – Leo Vetter in Hedelfingen

Lebendige Ortsgeschichte (Folge 5). Historisches aus und über Hedelfingen – unterhaltsam erklärt von Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer, 24. November 2022 … Über Hedelfingen gibt es viel zu erzählen. Besonders gut und gerne tun dies der ehemalige Hedelfinger Bezirksvorsteher Hans-Peter Seiler und Hedelfingens Ortshistoriker Michael Wießmeyer. Seit Jahren begeistern die beiden Hedelfingen-Fans bei Vorträgen und Führungen ein stetig wachsendes Publikum mit ihren Geschichten über die Geschichte des vor hundert Jahren von Stuttgart eingemeindeten Neckarvororts. WILIH veröffentlicht hier eine Serie mit vielen interessanten Blicken auf die Historie Hedelfingens. In loser Folge wollen die Geschichten-über-Geschichte-Erzähler Seiler und Wießmeyer an dieser Stelle Lust auf Hedelfingen machen.

Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer beim Stöbern in historischen Fotos
Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer beim Stöbern in historischen Dokumenten

Im Mittelpunkt des heutigen Beitrags steht Leo Vetter. Bekannt ist er in Stuttgart vor allem wegen des nach ihm benannten Leo-Vetter-Bads in Stuttgart-Ost. Vetter lebte aber lange in Hedelfingen.

Was Hedelfingen Leo Vetter zu verdanken hat – und warum er nach Hedelfingen kam

Etwas außerhalb von Hedelfingen, im lieblichen Dürrbachtal inmitten von Streuobstwiesen, befand sich einmal direkt am Bach und am Wald eine Milchkuranstalt. Das landwirtschaftliche Anwesen wurde über die schmale Straße nach Rohracker erreicht, heute die Straße Am Bergwald. Ein Prospekt zeigt anschaulich, wie sauber es im Stall zuging. Jede Kuh hatte ihren eigenen, mit Stroh ausgelegten Stand. Das gesamte Personal trug weiße Arbeitsmäntel, und der Mittelgang des Stalles war „klinisch rein“. Der Flaschenabfüllraum war gefliest und zur damaligen Zeit außergewöhnlich sauber und hygienisch. 

Leben auf dem Lande war um 1900 herum chic. Auch Leo Vetter, der sich um das Badewesen verdient gemacht hatte, wollte gerne in einer Villa auf dem Land leben. So erbaute er im Jahre 1912 in der Nähe der Hedelfinger Milchkuranstalt das Haus Sonneck – heute die „Villa” neben dem Emma-Reichle-Heim, in der sich die Tagespflege der Evangelischen Altenheimat befindet. Die Nachbarschaft zur Milchkuranstalt war aus Sicht des Vegetariers Leo Vetter ein weiterer Standortvorteil – denn dort wurde Milch in höchster Bio-Qualität erzeugt. Vetter war übrigens Vorsitzender des Süddeutschen Vegetariervereins. Außerdem gründete er 1886 die Stuttgarter Badegesellschaft.

In seinem Buch beschreibt Leo Vetter bereits zur damaligen Zeit u.a. die Vorzüge des „elektrischen Lichtbades“, wie man das Sonnenstudio damals nannte. „Es will in erster Linie nichts anderes sein als ein Ersatz für die so heilkräftigen und wirksamen Sonnenbäder.“ Zur Zeit von Leo Vetter waren die öffentlichen Bäder nicht für den Sport, sondern eher zur gesellschaftlichen Begegnung gedacht. Prunkvolle Innenausstattung – zum Beispiel im maurischen Stil – entsprach zeitgenössischen Vorstellungen. In der Restauration – heute würde man wohl „Imbiss” sagen – wurde damals von der Servierkraft auf silbernem Tablett das Bestellte serviert. 

Foto der Milchkuranstalt Hedelfingen um 1907Die Gesundheit stand in den Badeanstalten im Vordergrund. So wurde im 1889 erbauten Stuttgarter Bad, dem „Büchsenbad“, die erste Fangobehandlung in Deutschland angeboten. Das Bad sicherte sich dadurch den Alleinverkauf für Württemberg und Hohenzollern. Auch in Berlin an der Charité entstand eine Abteilung für diese Behandlungsart. Namhafte Kurbadeorte, wie Baden-Baden, Marienbad, folgten. Das heute bekannte Leo-Vetter-Bad im Stuttgarter Osten wurde als Ersatz für das 1910 als Ostheimer Bad und im Krieg zerstörte Bad aufgebaut. Bereits 1898 kaufte Leo Vetter das Grundstück. Die von Eduard Pfeiffer geförderte Kolonie Ostheim, die für geringverdienende Menschen Wohnraum zur Verfügung stellte, wurde durch dieses einfache Schwimmbad zur Volksgesundheit trefflich ergänzt.

Dem Geheimen Hofrat Vetter wurde in seinem Haus in Hedelfingen eine hohe Ehre zuteil. Die versammelte Gästeschar wurde Zeuge, wie der zu Ehrende ein Diplom überreicht bekam. Darin heißt es unter anderem: „Die medizinische Fakultät der Eberhard-Karls-Universität zu Tübingen verleiht dem Geheimen Hofrat Leo von Vetter als einem der Ersten, der in Deutschland den Gedanken von der Nützlichkeit der Schwimmbäder aufgriff und in Wort und Schrift eifrig förderte, der das für viele andere Schwimmbäder vorbildliche Stuttgarter Schwimmbad gründete und lange Jahre leitete und der durch diese seine rastlose und aufopfernde Tätigkeit zur Verbreitung von Lehre und Pflege der Gesundheit im Volke beitrug, die Würde eines Dr. med. honoris causa!“

Porträt von Leo Vetter
Leo Vetter um 1900

In Hedelfingen war Leo Vetter stets angesehen. Man war stolz, dass sich ein so berühmter Mann in dem einfachen Ort niederließ. Sein Lebensstil war großzügig, aber auch verschwenderisch. Andererseits kaufte er jedes Jahr vor Weihnachten bei Drogist Eisele, dem Großvater des heutigen Apothekers Joachim Eisele (Rathaus-Apotheke Hedelfingen), säckeweise Mehl, Haselnüsse und Mandeln, um dies an die Bevölkerung zu verteilen, damit sie Weihnachtsgebäck herstellen konnte. 

1921 kam es zum Bankrott. Leo Vetter zog in die Villa Schmid, heute Jugendhaus Villa Jo, nach Obertürkheim ins Obergeschoss zur Miete. Am 28. April 1923 starb Leo Vetter und geriet in Vergessenheit.

In Hedelfingen ist Leo Vetter nicht vergessen. Mit Haus Sonneck und aufgrund der Hartnäckigkeit der Hedelfinger, immer von der Leo-Vetter-Villa zu reden, sind Spuren erhalten geblieben. Der Vetter nachfolgende Besitzer, Bauunternehmer Gerber, veräußerte 1929 die Villa und die Nebengebäude an die Evangelische Frauenheimat.

Der Landesbischof von Sachsen, Hugo Hahn, schreibt in seinen Erinnerungen: Die Evangelische Gesellschaft unterhält im Schwabenland mehrere große „Frauenheimaten“. Das sind Altersheime für alleinstehende ältere (Dienstboten-)Frauen. Eine der schönsten und größten „Frauenheimaten“ ist in Hedelfingen. Die Leiterin, eine Stuttgarter Diakonisse, war ein hervorragend befähigter Mensch.

Hugo Hahn, im Dritten Reich aus Sachsen ausgewiesen und in Württemberg aufgenommen, war als zweiter Pfarrer in Hedelfingen tätig und hielt immer donnerstagnachmittags eine Bibelstunde und besuchte die Bewohnerinnen. Dass die „Frauenheimat“ nun das Emma-Reichle-Heim und die Tagespflege jetzt in seiner Villa beheimatet ist, hätte Leo Vetter sehr gefallen. 

Das Beitragsfoto oben zeigt das Haus Sonneck um 1912.

WILIH dankt Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer für diese Geschichte. Die historischen Fotos und Dokumente stammen aus dem Fundus des Alten Hauses Hedelfingen.

Nächstes Thema dieser Serie: Um dreieinhalb Uhr – Wie die Hedelfinger Rathaus und Straßenbahn feierten.


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