Schulgeschichten – Hausmeister-Dynastie Goldschmid

Lebendige Ortsgeschichte (Folge 23). Historisches aus und über Hedelfingen – unterhaltsam erklärt von Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer … Über Hedelfingen gibt es viel zu erzählen. Besonders gut und gerne tun dies der ehemalige Hedelfinger Bezirksvorsteher Hans-Peter Seiler und Hedelfingens Ortshistoriker Michael Wießmeyer. Seit Jahren begeistern die beiden Hedelfingen-Fans bei Vorträgen und Führungen ein stetig wachsendes Publikum mit ihren Geschichten über die Geschichte des vor gut hundert Jahren von Stuttgart eingemeindeten Neckarvororts. WILIH veröffentlicht hier eine Serie mit vielen interessanten Blicken auf die Historie Hedelfingens. In loser Folge wollen die Geschichten-über-Geschichte-Erzähler Seiler und Wießmeyer an dieser Stelle Lust auf Hedelfingen machen.

Thema dieser Folge: Schulgeschichten aus dem vorigen Jahrhundert (Folge 1) – Die Hausmeister-Dynastie Goldschmid

Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer beim Stöbern in historischen Fotos
Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer beim Stöbern in historischen Dokumenten

Bei Schulgeschichten hat jeder etwas zu erzählen. Denn in die Schule gingen alle Kinder. Selbst im Erwachsenenalter gibt man seine Erlebnisse zum Besten. Deshalb wollen auch wir einige Schulgeschichten erzählen.

Ein großes Ereignis für die Hedelfinger war die Einweihung der Neuen Schule an der Stuttgarter Straße – beim heutigen Hedelfinger Platz. Der Einweihungstag war auf Donnerstag, 5. November 1903, verschoben worden, da die Wengerter vorher noch mit der Weinlese beschäftigt waren. Erst nachmittags um 14.30 Uhr begann die Feier. Man nahm Rücksicht auf die auswärtigen Gäste. Diese mussten erst mit dem Zug nach Obertürkheim fahren und dann von dort nach Hedelfingen zur Schule gehen. Ein ordentlicher Marsch quer durch das Neckartal.

Lehrer und Schüler verließen die alten Schulen an der Kelterstraße, heute Fruchtstraße, und das Schulgebäude Im Schulwinkel und liefen als Festzug an die Stuttgarter Straße zur Neuen Schule.

Geplant wurde das Ganze von der Ortsschulbehörde. Der Vorsitzende war Pfarrer Reischle. Mit dabei waren der Schulleiter Schwarz und zwei Lehrer sowie der Schultheiß (Bürgermeister) Wendel und die Gemeinderäte. In der neuen Schule angekommen, gab es für jeden Schüler eine Brezel – spendiert von Schultheiß Wendel bzw. der Gemeinde Hedelfingen. Gesang und viele Reden schlossen die feierliche Übergabe vor Ort ab.

Postkarte mit Bild der 1903 fertiggestellten „Alten” Schule
Die heutige „Alte” Schule war 1903 gerade fertiggestellt, als dieses Bild entstand

Aus einem Zeitungsartikel vom 6. November 1903 ist überliefert:  „Mit Herstellung dieses Neubaus ist einem dringenden Bedürfnis der hiesigen Schulgemeinde endlich abgeholfen. Bei dem der Einweihung sich anschließenden Festessen im Gasthaus zum Ochsen sandte die Festversammlung ein Huldigungstelegram an den König, welches mit Segenswünschen zur Schule und Gemeinde erwidert wurde.“

Das 1903 sehr moderne Schulhaus besaß sieben Klassenzimmer und ein Lehrerzimmer. Das Schulhaus beherbergte auch eine Hausmeisterwohnung im Dachgeschoss. Michael Goldschmid war 1903 der erste Hausmeister, der die Wohnung im Dachgeschoss mit seiner Familie bezog. Goldschmid war aus Heumaden. Er kam 1886 nach Hedelfingen. Die Mesnerstelle hatte er seit 1898 inne, Nachtwächter war er ab 1901. Sein Einkommen war sehr karg, trotzdem sein Fleiß groß. Am heutigen Rathaus ist Michael Goldschmid verewigt.

Michael Goldschmid
Michael Goldschmid

1910 hat die Gemeinde Hedelfingen sich ein Denkmal gesetzt, indem sie normale Bürger am Erker des Bürgermeisterbüros verewigte: Gottlieb Diener, Wengerter; David Eblen, Landwirt; Gottlieb Autenrieth, Dorfbüttel; Michael Goldschmid, Nachtwächter; Johannes Barth, Zimmerermeister; Adolf Fröschle, Huf- und Wagen-Schmiedemeister. Keinen Pfarrer, keinen Schultheiß und keinen König hat man ausgewählt, sondern angesehene und fleißige Bürger wurden 1910 verewigt.  

Ein Bild, das den Jahrgang 1903 als Viertklässler zeigt, ist für diese Zeit doch eher ungewöhnlich (siehe oben): 34 Buben und der Hausmeister Michael Goldschmid. Sicherlich eine Auszeichnung für den Hausmeister, dass die Viertklässler auch ein Bild mit ihm wollten.

Michael Goldschmid war gelernter Schneider. Er konnte mit der weiteren Aufgabe des Hausmeisters sein Einkommen und das seiner Familie verbessern. Keiner konnte 1903 ahnen, dass mit Michael Goldschmid die „Hedelfinger Hausmeister-Dynastie Goldschmid“ begann. 

Die Aufgaben eines Schuldieners waren sehr vielfältig und umfangreich. Wie Goldschmid auch noch seine Aufgaben als Nachtwächter und Mesner bewältigen konnte, ist uns nicht klar. Tagsüber versah er die Schuldienerpflichten. Ab 10 Uhr abends zu jeder vollen Stunde die Zeit ansagend bis um 4 Uhr morgens versah er sein Nachtwächter-Amt. Er musste auch die Häuser beobachten, ob kein Feuer entstanden war und keine jungen Männer Unfug machten. 1919 ist Michael Goldschmid an Tuberkulose gestorben.

Nach dem Tod ihres Ehemannes haben die Witwe Johanna Goldschmid und ihr Sohn Heinrich die Arbeiten provisorisch weitergeführt. Erst 1921 wurde die Stelle des Schuldieners neu ausgeschrieben. 19 Männer haben sich auf diese Stelle beworben. Darunter der schwerkriegsbeschädigte Karl S. Dem Gemeindeprotokoll vom 25.4.1921 ist zu entnehmen: 

Über die Frage, ob Karl S. infolge seiner Kriegsverwundung in der Lage ist, die Stelle des Schuldieners zu versehen, sind die Ansichten im Gemeinderat geteilt. Bei der hierauf mittels geheimer Abstimmung vorgenommen Wahl des Schuldieners im neuen Schulhaus erhielt Heinrich Goldschmid 8 Stimmen, Karl S. 7 Stimmen. Goldschmid ist somit gewählt.“

Weitere aufschlussreiche Beschlüsse:

„Der Schuldiener Goldschmid ist nicht als Gemeindeunterbeamter mit Pensionsberechtigung anzustellen, sondern die Anstellung auf privatrechtlicher Grundlage ist zu vollziehen.

Als Gehalt erhält er den Betrag von monatlich 750 Mark neben freier Wohnung, Heizung und Beleuchtung. Es wird bestimmt, dass die Beiträge zur Krankenkasse und Invalidenversicherung von Diener Goldschmid in gesetzlicher Höhe zu tragen sind.

Goldschmid hat zur Erfüllung seiner Vollbeschäftigung neben den mit der Schuldienerstelle verbundenen Arbeiten, wozu namentlich auch die Vornahme der jeweiligen Hauptreinigungen ohne die Inanspruchnahme weiterer bezahlter Hilfskräfte, sowie die mit der Heizung zusammenhängenden Arbeiten wie Holzspalten, Kohle abladen usw. gehören, noch weitere vom Schultheißenamt zugewiesene Geschäfte zu übernehmen“.

Heinrich GoldschmidSeine offizielle Anstellung bekam er 1921 vom Schultheißenamt. Im Amtsbuch steht: 

„Schultheißenamt Hedelfingen, den 20. Mai 1921 

Der vom Gemeinderat am 25. April 1921 zum Schuldiener an der hiesigen Volksschule gewählte Heinrich Goldschmid wird heute vom Ortsvorsteher auf die gewissenhafte Ausübung seiner dienstlichen Obliegenheiten mittels Handschlags verpflichtet.“

Über sein Privatleben wissen wir nicht viel. Bei der Eröffnung der Schule 1903 war Heinrich Goldschmid 14 Jahre alt. Aber schon damals sehr agil und eifrig. Bei dem neu gegründeten Hedelfinger Posaunenchor machte er sofort mit. Von 1939 bis 1945 war Goldschmid Kommandant der Hedelfinger Feuerwehr. Dies war ein schwieriges Kapitel. Ab 1933 wurden die Feuerwehren der Polizei unterstellt, und die Kommandanten wurden Feuerwehrführer.

In der Volksschule Hedelfingen war Heinrich Goldschmid als streng, aber auch als liebenswert und hilfsbereit bekannt. Hat sich ein Schüler verletzt, war ebenfalls der Schuldiener, der mittlerweile Hausmeister hieß, zuständig. Eine Hausapotheke war in der Hausmeisterwohnung vorhanden. In schweren Fällen wurde der Schüler vom Hausmeister Goldschmid zu Dr. Gehring gebracht. Die Praxis war gleich in der Nähe. 1945 verlor Heinrich Goldschmid seine Hausmeisterstelle. Er war in der Partei gewesen. Nach der Entnazifizierung wurde Goldschmid an einer anderen Stelle bei der Stadt Stuttgart eingesetzt. Seine Schule zu verlassen, ist ihm sehr schwergefallen.

Das Foto oben zeigt die vierte Klasse im Jahr 1913 – mit auf dem Foto ganz rechts Hausmeister Michael Goldschmid.

WILIH dankt Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer für diese Geschichte. Die historischen Fotos und Dokumente stammen aus dem Fundus des Alten Hauses Hedelfingen.

Nächstes Thema dieser Serie: Schulgeschichten aus dem vorigen Jahrhundert – Teil 2


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