Die Bernhardskirche und die Entschädigung an Wangen

Lebendige Ortsgeschichte. Historisches aus und über Hedelfingen – unterhaltsam erklärt von Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer, 2. März 2023 … Über Hedelfingen gibt es viel zu erzählen. Besonders gut und gerne tun dies der ehemalige Hedelfinger Bezirksvorsteher Hans-Peter Seiler und Hedelfingens Ortshistoriker Michael Wießmeyer. Seit Jahren begeistern die beiden Hedelfingen-Fans bei Vorträgen und Führungen ein stetig wachsendes Publikum mit ihren Geschichten über die Geschichte des vor hundert Jahren von Stuttgart eingemeindeten Neckarvororts. WILIH veröffentlicht hier eine Serie mit vielen interessanten Blicken auf die Historie Hedelfingens. In loser Folge wollen die Geschichten-über-Geschichte-Erzähler Seiler und Wießmeyer an dieser Stelle Lust auf Hedelfingen machen.

Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer beim Stöbern in historischen Fotos
Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer beim Stöbern in historischen Dokumenten

Thema dieser Folge: Die Bernhardskirche – und warum die Rohräcker an die Wangener eine jährliche Entschädigung zahlen mussten

Der Kirchgang war in früherer Zeit Pflicht. Die Rohracker Gemeinde hatte keine Kirche und keinen Pfarrer. Der Weg zur nächstgelegenen Kirche war sehr schwierig zu bewältigen. Tief in der Nacht ging es los. Über schmale Pfade und Wege, die wir heute kaum bewältigen könnten, ging es über die Wangener Höhe hinunter bis nach Wangen, weiter neckarabwärts über die Nesenbachbrücke. Die Wangener schlossen sich Ihnen an, um gemeinsam den weiteren Weg zu bewältigen. Der Neckar hatte viele Nebenäste. Bis nach Cannstatt zur Altenburgkirche führte der Weg. Die Besitztümer und die Zugehörigkeiten zur Kirche waren oft seltsam, aber immer ging es um Macht und Geld. Die Hedelfinger gehörten zur Probstei Nellingen.

Ab 1250 durften die Wangener eine Kirche bauen. Sie bauten die Michaelskirche, eine Wehrkirche, umrandet mit einer starken Friedhofsmauer auf halber Höhe des Wangener Berges. Um die selbe Zeit entstand auch die Alte Kirche in Hedelfingen, in die aber die Rohräcker aufgrund der verschiedenen Besitztümer nicht gehen durften.

Friedhof und Michaelskirche Wangen mit Rohracker Törle
Das kleine Tor rechts in der Friedhofsmauer vor der Michaelskirche ist das „Rohracker Törle”

Jetzt mussten die Rohräcker nur noch nach Wangen. Das sogenannte Rohracker Törle wurde in die Friedhofsmauer eingebaut. Es war sehr schmal und niedrig. Dies nahm man aber gerne in Kauf. Nur zu Trauerfeiern war es beschwerlich, den Sarg über den Weg und dann durch das Törle zu bekommen. Bei etwas gewichtigeren Menschen musste der Sarg umgekippt „reingehievt“ werden. Wer auf diese Weise den holprigen Weg und das Rohracker Törle überstanden hatte, war auf jeden Fall tot. Die Sorge, dass jemand scheintot beerdigt wurde, gab‘s bei den Rohräckern nach dem Leichenzug nicht.

In Rohracker regte sich immer mehr der Wunsch, sich von den Wangenern zu trennen und eine eigene Kirche bauen zu dürfen. Der Weg sei für Täuflinge und schwache Jugendliche und Alte sehr beschwerlich, schmutzig und schlecht zu begehen. Aber: Plötzlich erkannten die Wangener den Wert der Rohräcker Kirchgänger und intrigierten gegen deren Wunsch.

Vor 1400 ist eine kleine Kapelle mit Begräbnisstätte in Rohracker erbaut worden. Es finden sich heute keine Nachweise davon. Es ist aber davon auszugehen, dass sie am heutigen Platz der Bernhardskirche war. Der Eingabe vieler Rohrackerer Bürger, eine eigene Gemeinde gründen zu dürfen, wurde am 27. August 1447 vom Bischof in Konstanz endlich stattgegeben. Die Hartnäckigkeit und Einsatzkraft hatte sich gelohnt.

Aber die Wangener, geschäftstüchtig und eine der reichen Gemeinde im Umkreis, ließen sich die Abtrennung von Rohracker teuer bezahlen. So musste Rohracker an Wangen eine jährliche Entschädigung von 8 Pfund, 18 Schilling und 6 Heller für die entgangenen pfarrlichen Nutzungen und Rechte bezahlen. Ein Cannstatter Dekan sagte, die Wangener Kirchengemeinde sei der Tanker unter den Kirchengemeinden der Neckarvororte. Ob der Reichtum aus Rohracker stammt?

Die Bernhardskirche mit ihrem lichtdurchfluteten Chorraum ist ein besonderes Beispiel spätgotischer Dorfkirchenarchitektur in unserer Gegend. Wann genau mit dem Bau begonnen wurde, ist nicht ganz klar, es wird aber sicherlich kurz nach der Erlaubnis begonnen worden sein. In der Jubiläumsschrift von Gustav Bossert von 1947 wird der Bauabschluß auf 1450 datiert. Lambert Auer, der ehemalige Kunstsachverständige der württembergischen Landeskirche, datiert ihn eher auf die 4. Hälfte des 15. Jahrhunderts (1490).

Damit wäre auch die schöne Spekulation Bosserts, dass der berühmte Baumeister Jörg Aberlin die Kirche erbaut hätte, vom Tisch. Es gibt dafür auch keine Nachweise, es findet sich kein Meisterschild, zu sehen sind lediglich eine Reihe von Gesellenzeichen. Am Turmfenster lässt sich die Jahreszahl 1604 mit Steinmetzzeichen und Zimmermannszeichen ausmachen und am Kanzelaufgang in der Sakristei die Jahreszahl 1699.

Dass nach der Reformation einige Jahre die Kirchengemeinden Rohracker und Hedelfingen einen gemeinsamen Pfarrer hatten, sei so nebenbei erwähnt. Nach knapp 500 Jahren ereilt uns das Schicksal wieder, eine gemeinsame Pfarrerin zu haben. Ob die Kirchengemeinden der Neckarvororte am Schluss alle beim „Tanker“ Wangen landen? Die Zukunft wird’s weisen.

Quellen: Wilhelm Ruckhaberle und Martin Dolde

WILIH dankt Hans-Peter Seiler und Michael Wießmeyer für diese Geschichte. Die historischen Fotos und Dokumente stammen aus dem Fundus des Alten Hauses Hedelfingen.

Nächstes Thema dieser Serie: Vom Darlehenskassenverein im Hinterzimmer zur modernen Volksbank


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